Die Kontrahenten rüsten sich zum Kampf

Bernd Heim
By Bernd Heim / 29. Januar 2015

Keine langwierigen und zähen Koalitionsverhandlungen, eine schnelle Übernahme der Regierungsgeschäfte und eine rasche Umsetzung der im Wahlkampf gemachten Versprechen. Man kann über Alexis Tsipras und die vom ihm geführte Koalition viel sagen, dass sie nicht forsch von ihrer neuen Machtfülle Gebrauch macht, eher nicht.

Die laufenden Privatisierungen zu stoppen, ist ein geschickter Schachzug, der die eigene Machtfülle gut dokumentiert und dennoch nicht dauerhaft Porzellan zerschlägt, denn bei Bedarf kann man die jetzt ausgesetzten Verhandlungen ohne Probleme wieder aufnehmen.

Schwerwiegender ist die Ankündigung entlassene Beamte wieder in den Staatsdienst zurückholen zu wollen. Dass die Effizienz der griechischen Verwaltung durch diesen Schritt verbessert wird, glauben vermutlich nur unverbesserliche Optimisten. Potential hat der Schritt dennoch, allerdings eher ein zerstörerisches.

Nimmt die Regierung in Athen die jetzt groß angekündigte Neuanstellung später wieder zurück, sind innenpolitisch Enttäuschungen vorprogrammiert. Hat man im Wahlkampf den Mund zu voll genommen, muss nach der Wahl jede Regierung ihr Volk und ihre Wähler enttäuschen. Die Frage ist meist nicht, ob dieser Schritt ansteht, sondern nur wann und in welchem Ausmaß.

Wir können also mit einer gewissen Berechtigung davon ausgehen, dass der neue griechische Ministerpräsident bemüht sein wird, diesen Moment der Wahrheit so weit wie möglich hinauszuzögern.

Die Suche nach dem weißen Ritter hat begonnen

Wie lange ihm das gelingen kann, hängt vom finanziellen Spielraum ab, über den Alexis Tsipras noch verfügt. Sehr groß ist er nicht und jeder Schritt, der als Affront gegenüber Brüssel verstanden werden kann, ist dazu geeignet, in weiter einzuengen.

Entsprechend hektisch fällt bereits jetzt die Suche nach neuen Verbündeten aus. Der Blick der neuen Athener Regierung richtet sich dabei sehnsüchtig gen Osten. Große Hoffnungen werden derzeit auf Vladimir Putins Russland gesetzt.

Der könnte durchaus geneigt sein auf das griechische Werben einzugehen. Natürlich nicht aus reiner Freundlichkeit, sondern allein aus kalter Berechnung. Je tiefer der Graben zwischen Athen und seinen Verbündeten im Westen wird, umso leichteres Spiel hat Russland in der Ukraine und gegenüber der EU.

Aus Moskauer Sicht macht es also durchaus Sinn auf das griechische Werben einzugehen und dann einfach abzuwarten und zu schauen wie sich die Dinge zwischen Athen und Brüssel weiter entwickeln.

Teile und herrsche

Viel zu verlieren hat Russland nicht, dafür winken im Gegenzug attraktive Gewinne. Mit etwas Glück wird der Hafen von Piräus doch noch verkauft, zwar nicht an jene, die sich bis gestern noch Hoffnungen auf den Zuschlag gemacht haben, sondern als neuer Mittelmeerstützpunkt an die russische Marine.

Szenarien wie dieses klingen natürlich im ersten Moment mehr als unrealistisch und weltfremd. Sie zeigen aber auf der anderen Seite auch, wie absurd die griechischen Hoffnungen auf einen weißen Ritter namens Vladimir Putin sind.

Griechenland ist zwar auch orthodox, aber es ist nicht Serbien und damit aus russischer Sicht keine Herzensangelegenheit. Schon eher ist seine Rolle mit der von Kuba in der Zeit des Kalten Krieges vergleichbar.

Mit etwas Geld und ein wenig billigem Gas über Wasser gehalten ist Griechenland ein schmerzender Stachel im Fleisch der Südflanke der NATO. Außerdem wird den Russen die griechisch-türkische Rivalität nicht entgangen sein.

Gießen wir noch etwas Öl ins Feuer

Da man sich unlängst der Türkei angenähert hat, muss Griechenland auf diesen Schritt reagieren, und da es wirtschaftlich nicht aus einer Position der Stärke heraus agieren kann, besteht für Moskau die Option, Ankara und Athen munter gegeneinander auszuspielen.

Griechenlands westliche Partner stehen vor der schwierigen Entscheidung, ob sie mit Härte oder Entgegenkommen auf die Politik der neuen griechischen Regierung reagieren wollen. Das Fatale an der Situation ist: Beide Varianten beherbergen kurz- wie langfristig ein erhebliches Konfliktpotential.

Zu viel Härte gegenüber Athen wird die Griechen aus dem Euro und die EU in eine größere innere Krise stürzen. Zu wenig Härte dürfte die gleichen Effekte haben, wenn die anderen Problemstaaten in ihren Reformbemühungen nachlassen und ebenfalls Nachbesserungen zu den unterzeichneten Verträgen fordern.

Keine rosigen Aussichten – oder anders formuliert: Der Stress wird kommen, entweder früher oder später.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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