Warum diese Eile im DAX?

Bernd Heim
By Bernd Heim / 30. Januar 2015

Wäre der DAX ein Mensch, er müsste langsam auch mal ans Ausatmen denken. Doch außer einem kurzen Hecheln, das kaum mehr als ein vorübergehendes Stillstehen zu sein scheint, gönnt sich der deutsche Leitindex in diesen Tagen keine Pause.

Rücksetzer werden schnell wieder aufgeholt, und auch wenn es nicht jeden Tag ein neues Allzeithoch zu vermelden gibt, so ist das Verweilen knapp unter dem aktuellen Hoch dennoch bemerkenswert.       

Das war nicht unbedingt zu erwarten und sorgt jetzt bei erfahrenen Investoren und Tradern für verwundertes Kopfschütteln, denn diese wissen nur zu gut, dass gesunde Aufschwünge immer von vorübergehenden Korrekturen begleitet werden.

Fehlen diese Einschnitte, was auch immer wieder mal vorkommt, werden die Sorgen der Anleger schnell größer und die Falten auf der Stirn tiefer, denn durch eine besondere Nachhaltigkeit sind diese kurzatmigen Rallyes bislang eher selten aufgefallen.

Luftholen oder weiter einatmen?

Es ist nicht nur die fehlende Bereitschaft der Anleger, Gewinne mitzunehmen und damit die Korrektur anzustoßen, die momentan besonders hervorsticht. Auch die relative Stärke des deutschen Aktienmarktes verdient Beachtung.

Die extremen Schwächevorzeichen aus dem vergangenen Jahr scheinen sich immer mehr ins Gegenteil zu verkehren. Kursrückgänge und Schwächeperioden der Wall Street ignoriert der DAX so gut er kann. Ein Grund für diese wiedergefundene Stärke könnte die Schwäche des Euros sein.

Für uns Europäer sind amerikanische Aktien momentan aus zwei Gründen eher teuer. Der schwache Euro verteuert Käufe, die in US Dollar abgerechnet werden, und auch aus fundamentaler Sicht, sind die Anteile amerikanischer Unternehmen derzeit nicht mehr als besonders preiswert zu bezeichnen. Engagements in den USA drängen sich vor diesem Hintergrund nicht gerade auf.

Aus Sicht eines US-Investors stellt sich die Lage ganz anders dar. Europäische Aktien sind im Vergleich zu ihren amerikanischen Pendants preiswert. Der Gegenwert der eigenen Währung ist vergleichsweise hoch, und da die EZB gerade ein QE-Programm aufgelegt hat und die amerikanischen Börsianer aus eigener Erfahrung nur zu gut wissen, wie diese Programme auf den Aktienmarkt wirken, bietet es sich für Anleger aus den USA an, bei Aktieninvestitionen nicht nur an die Wall Street, sondern auch an Europa zu denken.

Verhindert frisches Geld aus den USA die Korrektur?

Der Euro hat in den letzten Tagen wieder etwas an Wert gewonnen, es werden also an den Devisenmärkten Euros gekauft und US Dollar verkauft. Noch ist es viel zu früh, um von einem Trendbruch zu sprechen, aber ein gewisses ‚Ausatmen‘ ist schon zu erkennen.

Dass dieses ‚Ausatmen‘ zeitgleich beim DAX fehlt oder nur sehr schwach ausfällt, könnte seinen Grund auch darin haben, dass Kapital aus den USA nach Deutschland transferiert und hier am Aktienmarkt angelegt wird.

Da die europäischen Finanzmärkte im Vergleich zur Wall Street deutlich kleiner sind, ist es für die amerikanischen Großanleger schwerer größere Positionen aufzubauen, ohne die Kurse deutlich zu beeinflussen. Vielleicht erklärt das, warum sich der Euro derzeit wieder ein wenig erholt und der DAX partout nicht fallen will.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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