Jetzt schnell noch tanken, bevor der Ölpreis wieder steigt?

Bernd Heim
By Bernd Heim / 6. Februar 2015

Ausgehend von seinen Tiefstkursen hat der Ölpreis in den letzten Tagen rund 20 Prozent zugelegt. Ist das die von vielen erwartete Trendwende? Kurzfristig ja, mittel- bis langfristig vermutlich nicht.

Noch nicht, muss man streng genommen sagen, denn kein Ölproduzent hat langfristig Freude daran, den Ölpreis auf einem derart tiefen Niveau verharren zu lassen. Nicht einmal Saudi-Arabien kann dieses Ziel haben, obwohl man derzeit aus dem Königreich ganz andere Botschaften vernimmt.

Nach dem scharfen und vor allem konstanten Preisverfall beim Rohöl seit Juni 2014 war eine Korrektur mehr als überfällig. Sie hat später und tiefer begonnen als von vielen erwartet und sie wird sich nicht nur über einige wenige Handelstage erstrecken.

Wenn man von der groben Faustregel ausgeht, dass Korrekturen preislich und zeitlich ein Drittel der vorhergehenden Hausse in Anspruch nehmen bzw. zurücknehmen, können wir nach sieben Monaten Preisverfall und einem um 60 US Dollar je Barrel tiefer stehenden Ölpreis erwarten, dass eine Korrektur bis zu zwei Monate andauert und den Preis um etwa 20 Dollar ansteigen lassen wird.

Der Zeithorizont ist mal wieder entscheidend

Für die kurzfristigen Trader, die den Ölpreis direkt handeln, reicht diese Aussicht, um einen Einstieg zu rechtfertigen und zumindest kurzfristig auf wieder steigende Kurse zu setzen.

Anders stellt sich die Lage für jene Investoren da, die auf die Ölaktien setzen wollen und mit ihnen von einem zukünftigen Wiederanstieg des Ölpreises profitieren möchten. Hier könnte der Einstieg jetzt noch zu früh sein, obwohl dem Ölpreis im Chart gerade eine Bodenbildung zu gelingen scheint.

Der Grund für meine Zurückhaltung ist doppelter Natur. Läuft eine Korrektur im klassischen ABC-Muster ab, ist der erste Versuch einer Bodenbildung meist nicht der Letzte, denn nach einer kurzen Erhohlungsphase nimmt der Markt die ursprüngliche Trendrichtung wieder auf und steigt bzw. fällt weiter.

Versuche, einen Boden auszubilden, haben wir seit Juni 2014 viele gesehen. Der jetzige ist der Erste, der ein wenig überzeugender ausfällt. Er kann der finale Versuch einer Bodenbildung sein, es können aber auch noch andere folgen.

Saudi-Arabien braucht einen tieferen Ölpreis

Aus fundamentaler Sicht ist es noch zu früh, den Ölpreis jetzt schon wieder ansteigen zu lassen. Bitte bedenken Sie: Saudi-Arabien gibt sein Rohöl derzeit nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit so preiswert ab, bzw. sieht tatenlos zu, wie der Ölpreis immer weiter fällt.

Im Gegenteil: Der sinkende Ölpreis ist die Waffe, mit der die amerikanische Fracking-Industrie aus dem Feld geschlagen werden soll. Deren Förderkosten liegen bei 60 bis 80 US Dollar je Barrel, sodass bei den derzeitigen Preisen nur noch sehr wenige Bohrlöcher profitabel sind.

Der gesunkene Ölpreis hat die Bohraktivitäten in den USA schon massiv beeinflusst. Die Preiswaffe der Saudis zeigt also Wirkung. Den Ölförderländern am Golf ist allerdings auch klar, dass sie die ungeliebte amerikanische Konkurrenz nicht über Nacht werden verdrängen können.

Stirb langsam, aber stirb!

Es muss von den Arabern erst abgewartet werden, bis die Vorwärtsverkäufe und anderen Sicherungsmaßnahmen der amerikanischen Fracking-Konkurrenz ausgelaufen sind. Erst danach wirkt der tiefe Ölpreis wirklich verheerend.

So weit sind wir allerdings noch nicht. Würde der Ölpreis jetzt einen Boden ausbilden und wieder dauerhaft ansteigen, könnte die US-Fracking-Industrie noch einmal mit einem blauen Auge davon kommen. Aus saudi-arabischer Sicht wäre der Preiskrieg damit umsonst geführt worden, denn am Ende wäre der Konkurrent zwar geschwächt, aber immer noch am Markt aktiv.

Militärstrategen wissen, dass das langfristige Besetzen eines Territoriums immer das Schlagen des Gegners voraussetzt. Diese Aussage gilt im übertragenen Sinn auch für das Besetzen eines Geschäftsfelds wie den Ölmarkt und für den lässt sich feststellen, dass die US-Fracking-Branche zwar angeschlagen, aber noch lange nicht geschlagen ist.

Aus saudischer Sicht kommt der aktuelle Anstieg des Ölpreises somit zu früh oder anders formuliert: Die Notwendigkeit für tiefere Ölpreise besteht auch weiterhin.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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