Bullen und Bären in Lauerstellung

Bernd Heim
By Bernd Heim / 12. Februar 2015

Es geht um viel in diesen Tagen, in Brüssel um viel Geld und in Minsk um Leben und Tod für die Menschen in der Ostukraine. Möglich ist vieles, vorhersehbar weniges und so ist es mehr als naheliegend, dass sich die Anleger im DAX tendenziell zurückhalten und den Lauf der Dinge erst einmal abwarten wollen.

Eine minimale Bewegung auf Tagesschlussbasis und während des Handels das konsequente Auslassen aller sich bietenden Chancen zeigen die Verunsicherung der Anleger. So lustlos und unentschlossen präsentierte sich der Frankfurter Aktienmarkt zur Mitte dieser Woche.

Normalerweise sollte man erwarten, dass verunsicherte Investoren tendenziell eher zu Verkäufen neigen und die Kurse deshalb zumindest leicht abwärtsgerichtet sein sollten. Das sind sie aber nicht. Wir sehen weder verängstigte Verkäufe noch beherzte Käufe in einer Dimension, die den DAX nachhaltig zur einen oder anderen Seite ausschlagen lassen würde.

In diesem speziellen Fall ist die Angst wohl etwas anders gelagert als in vergleichbaren Fällen aus der Vergangenheit. Es sind nicht nur die Angstthemen Griechenland und Ukrainekrieg, welche die Anleger unruhig werden lassen.

Die Angst nicht mit von der Partie zu sein

Neben sie gesellt sich noch eine weitere Sorge, nämlich die, etwas Entscheidendes zu verpassen. Alle Marktteilnehmer wissen inzwischen um das viele Geld der EZB, das über kurz oder lang in den Markt fließen und diesen zwangsläufig ansteigen lassen wird.

Jeder weiß auch um die „segensreiche“ Wirkung dieses Geldes. Ob es der Wirtschaft etwas bringen wird, sei mal dahingestellt. Dass es die Aktienkurse nachhaltig steigen lassen wird, darüber dürfte inzwischen allgemein Konsens bestehen.

An diesem Kursaufschwung wollen natürlich alle partizipieren und so belauern sich die Anleger gegenseitig. Sie haben immer schon gerne das getan, was auch die anderen tun, wodurch sich einmal ausgelöste Bewegungen schnell verstärkt haben.

Jetzt schaut wieder ein jeder auf den anderen und der scheint nur darauf zu warten, endlich die Begründung dafür zu finden sich wahlweise von seinen Aktien überstürzt zu trennen oder unlimitiert neue zu kaufen.

Machen dieses Mal die Nachrichten die Kurse?

Es ist gut möglich, dass der erste Impuls in diesen Tagen aus der Politik kommt. Er wird die Herde in die eine oder andere Richtung treiben und zumindest kurzfristig den Eindruck bestätigen, dass es die Nachrichten wären, die die Kurse bestimmen.

Fraglich ist jedoch, ob die ausgelöste Reaktion nachhaltig sein wird. Dieser Zweifel ist auch für den Fall angebracht, dass wir zunächst weiter aufwärts stürmen und uns dem noch offenen Kursziel bei 11.165 Punkten widmen werden.

Selbst wenn es erreicht werden sollte, ist die Luft recht dünn, sodass ein zumindest vorübergehender Abstieg in den Bereich von 10.500 Punkten notwendig werden kann, bevor es anschließend mit dem vielen EZB Geld im Rücken weiter aufwärtsgeht.

Ein panischer Abverkauf aufgrund schlechter Nachrichten aus Brüssel oder Berichten von neuer Gewalt in der Ostukraine kann ebenfalls seinen Charme haben, denn es ist noch keineswegs ausgemacht, dass dieser Rutsch der Beginn eines neuen veritablen Crashs ist.

Auf Dauer werden die Kurse die passenden Nachrichten hervorbringen

Im Bereich von 10.500 Punkte hat der DAX die Chance, einen Doppelboden auszubilden und wieder anzusteigen. Misslingt dies, bietet das alte Allzeithoch von 10.050 Punkten aus dem Sommer 2014 eine nicht zu unterschätzende Unterstützung.

Kurzfristig könnten zum Ende dieser Woche also tatsächlich die Nachrichten die Kurse machen. Auf Dauer sollte sich jedoch der Markt gegenüber den Medien durchsetzen und aus eigener Kraft für die zum Umfeld passenden Nachrichten sorgen.

Sprich: Rasseln wir ungebremst durch alle Unterstützungen, werden die Medien schnell auf düstere Moll-Töne wechseln und uns die Melodie vom baldigen Untergang des Abendlandes präsentieren.

Hat sich die Meute jedoch in Masse für steigende Kurse entschieden, werden uns Funk und Fernsehen sicher schon bald wieder an die Segnungen des frisch gedruckten EZB Geldes erinnern.

 

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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