Das DAX-Fieber lässt nicht nach

Bernd Heim
By Bernd Heim / 27. Februar 2015

Permanent auf der Überholspur leben? Für manche ist es das ein Traum, der von Hollywood und anderen Traumfabriken immer wieder gerne bedient wird. Ewig genießen lässt sich ein solches Leben nicht, ewig durchhalten schon gleich dreimal nicht. Trotzdem scheint an der Börse in diesen Tagen gerade ein entsprechendes Realexperiment gestartet worden zu sein.

Der Markt ist überhitzt und er schert sich einen Teufel um all die Probleme, die ihm immer noch das Leben über Nacht zur Hölle machen könnten. Das spricht einerseits für seine enorme Stärke und andererseits für seine grenzenlose Ignoranz.      

Wirklich Luftholen will aber auch keiner. Wie ein gehetztes Wild hecheln die Anleger von einem Allzeithoch zum nächsten. Gibt es heute Nachmittag kein neues Hoch, muss man schon fast befürchten, dass die Marktteilnehmer enttäuscht und geknickt ins Wochenende gehen werden.

Gekauft wird selbstverständlich nicht ohne Grund, doch ob der Grund noch ein guter ist, das ist inzwischen längst die entscheidende Frage. Früher hat das Kaufen deutlich mehr Angst gemacht als das Nichtkaufen, denn ein Investor konnte sich im Vorfeld seiner Anlageentscheidung nie sicher sein, ob sein Entschluss, in den Markt zu gehen, zu einem guten Ende führen werde.

Verkehrte (Aktien)Welt

Prinzipiell gilt diese Aussage noch heute, doch ein wenig hat man das Gefühl, als hätten sich die Dinge nicht nur ein wenig gewandelt, sondern geradezu auf den Kopf gestellt.

Heute ist auch das Kaufen noch immer eine gefährliche und damit Furcht einflößende Angelegenheit. Viel gefährlicher und beängstigender ist aber inzwischen das Nichtkaufen geworden. Nichts zu tun, weiterhin nur abwartend am Seitenrand zu verharren, das wirkt mit einem Mal viel gefährlicher als in einen hochstehenden Markt einzusteigen, der trotzdem immer noch weiter steigt.

Wer vorgestern den „schwachen“ Seitwärtstag nicht zum Einstieg genutzt hat, weil er auf bessere Kurse gehofft hat, steht heute vor einem doppelten Problem. Die Hoffnung wurde enttäuscht und das bevorstehende Wochenende zwingt zur Eile und mahnt schon wieder zur Vorsicht.

Was könnte nicht alles in den zwei handelsfreien Tagen geschehen? Die Menschheit an den Rand einer Katastrophe geraten und die Welt dreimal untergehen. Nicht auszudenken, was dann in der nächsten Woche mit unseren Aktien wäre. Trotzdem: Wer jetzt nicht kauft, ist am Montag schon wieder spät dran und dann wird das Dilemma nur noch größer.

Also, was tun? Dem angefahrenen Zug hinterherlaufen und doch noch irgendwie aufspringen, damit man wenigstens einen Teil der Fahrt mitmachen kann? Oder lieber die Dinge auf sich beruhen lassen unverrichteter Dinge nach Hause gehen?

Der richtige Umgang mit unserem Fieberpatienten

Eine schwierige Entscheidung. Die schlechteste Antwort könnte darin bestehen, den Markt trotzig zu shorten, weil die Kurse viel zu hoch gelaufen sind und der auch DAX irgendwann einmal fallen muss. Nun, erstens muss der DAX gar nichts und zweitens könnte er die Reise in die Gegenrichtung erst dann antreten, wenn das Geld der Bären im Feuer der laufenden Aufwärtsbewegung schon längst verbrannt ist. In dem Fall hätten die voreiligen Verkäufer zwar prinzipiell recht gehabt, mit ihrem Timing allerdings leicht daneben gelegen.

Nicht der Weisheit letzter Schluss könnten auch die knallharten ‚entweder – oder‘, ‚ganz oder gar nicht‘-Entscheidungen sein. Überlassen Sie diese Spielwiese lieber den Ideologen. Die verstehen sich weit besser auf die kompromisslose Schwarz-Weiß-Malerei als Sie oder ich es tun.

Also lassen wir die harte Tour, gehen weder voll in den Markt hinein und bleiben ihm auch nicht vollkommen fern, sondern investieren in kleinen Schritten immer nur ein kleines Stückchen mehr. Fällt der Markt, bringt uns das nicht um. Steigt er weiter, laufen die früh gekauften Positionen schnell in den Gewinn und helfen die später gekauften Tranchen abzusichern.

Danach ist es nur noch eine Frage, wie lange das Spielchen noch weitergeht. Vorab kann Ihnen diese Frage niemand verlässlich beantworten. Also, warum Hellseher sein wollen, wenn man sowieso weiß, dass man keiner ist?

Setzt sich die Rallye noch weiter fort, winken über die Zeit ansehnliche Gewinne. Ist hingegen nächste Woche schon Schluss, hält sich das eigene Risiko zumindest in engen Grenzen.

 

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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