Vier neue DAX-Allzeithochs auf einen Streich

Insgesamt vier Mal schraubte sich der DAX im Verlauf des gestrigen Handels auf ein neues Allzeithoch. Anlegerherz, was willst du mehr, könnte man fragen und zur Feier des Tages die Sektkorken knallen lassen, gäbe es nicht einige Aspekte, die zumindest zum Nachdenken einladen.

Der wichtigste dieser Punkte ist vor allem in den kleineren Charteinstellungen, etwa im Minuten- oder 5-Minuten-Chart, sehr gut zu sehen. Die gebildeten neuen Allzeithochs hatten nie lange Bestand, sondern wurden recht bald wieder abverkauft.

Man geht wohl etwas zu weit, wenn man behaupten will, dass die Höhenluft dem Index generell nicht bekommt. Doch lässt diese „Kavallerietaktik“ aus Angriff, Rückzug und erneutem Angriff zumindest erkennen, dass die Anleger sich momentan ihrer Sache nicht allzu sicher zu sein scheinen.

Der Markt will nach oben, das hat er gestern wieder eindeutig unter Beweis gestellt. Doch der Kampf mit der oberen Trendkanalgrenze ist noch nicht entschieden. Sie bremste auch gestern wieder die Käufer frühzeitig ein, obwohl diese im Moment an einem Ausbruch aus dem Trendkanal arbeiten. Ob er gelingt, wird uns vermutlich die nächste Woche zeigen.

Rekordfahrt mit angezogener Handbremse

Gebremst hat sicher auch ein wenig das Wissen um die Pressekonferenz der EZB am Nachmittag und die für heute anstehende Veröffentlichung der monatlichen Zahlen zum US-Arbeitsmarkt.

Die gestrige Pressekonferenz wurde genutzt, um unsichere Zeitgenossen aus dem Markt zu vertreiben und Stopps zu fischen. Kurz vor dem Beginn der Veranstaltung hatte der deutsche Leitindex noch ein neues Allzeithoch ausgebildet, nur um dann anschließend schnell und tief zurückzufallen.

Die bis dahin im Vormittagshandel ausgebildeten Intraday-Unterstützungen wurden unterschritten und die in ihrer Nähe platzierten Stopps ausgelöst. Kaum waren die Stopps gefischt, schwang sich der DAX unverzüglich und mit relativ großer Eile auf ein neues Allzeithoch empor.

Was das alles mit Mario Draghis Erklärungen zum Anleihenkaufprogramm der EZB zu tun hatte? Vermutlich nicht viel, außer dass beides zur gleichen Zeit ablief. Hätte es die Pressekonferenz der EZB nicht gegeben, hätte vermutlich ein anderer „Grund“ dafür herhalten müssen, die nervösen Anleger mal schnell aus dem Markt zu schütteln.

Die Stunden der Wahrheit werden noch kommen

Kann man dem Aufschwung noch blind vertrauen? Trauen vielleicht, blind trauen mit Sicherheit nicht. Die Fülle der hinter uns liegenden Aufwärtstage und -wochen mahnt einerseits zur Vorsicht, denn wir wissen, auch die längste Rallye geht irgendwann einmal zu Ende.

Eine Gewissheit auf ein baldiges Ende aus dieser Erkenntnis abzuleiten, verbietet sich aber auch. Gerade die kurze Minikorrektur vom Wochenanfang, die gleich mit einem neuen Allzeithoch beantwortet wurde, macht deutlich, dass noch immer viel Kapital an der Seitenlinie auf einen günstigen Einstiegszeitpunkt wartet.

Außerdem wissen die Anleger nur zu genau darum, wie frühere QE-Programme an den Aktienmärkten gewirkt haben. Sowohl in den USA als auch in Japan stiegen die Aktienkurse steil an, nachdem die US-Notenbank bzw. die Bank of Japan die Druckerpressen einmal angeworfen hatten.

Japan und die USA als Vorbilder?

Beides spricht für einen fortgesetzt hohen Kaufdruck. Dieser könnte sich in der neuen Woche fortsetzen, wenn der heutige Arbeitsmarktbericht nicht überraschend Anlass zur Sorge bieten sollte.

Was wäre ein solcher Anlass zur Sorge? Man mag es kaum aussprechen. Es wäre die Befürchtung, dass nicht zu viele, sondern zu wenige Amerikaner ohne Job sind. Der Markt denkt an dieser Stelle einmal um die Ecke und wertet zu gute oder als zu gut empfundene Arbeitsmarktdaten als Hinweis darauf, dass die nächste Zinserhöhung doch schneller kommen könnte, als allen lieb ist.

Aber das ist dann wohl eher ein Thema für die nächste Woche, und wie man es spielen will, darüber nachzudenken haben die Anleger ab heute wieder ein ganzes, langes Wochenende Zeit.

 

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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