Kommt nun der Abwärtsrutsch?

„Die Unruhe stieg langsam, die Augen der Trader flackerten und die Finger der Investoren kreisten immer besorgter und nervöser über dem Verkaufsknopf.“ Wenn man die momentane Situation am deutschen Aktienindex in eine spannende Geschichte einbinden will, könnte sie so beginnen.

Fakt ist, dass der DAX die achte Aufwärtswoche in Folge beendet hat. Am Freitag wurde mal wieder ein neues Allzeithoch ausgebildet, das wieder keinen Bestand hatte. Nach oben ist der DAX weiterhin durch eine ansteigende Trendkanalgrenze begrenzt. Sie ermöglicht dem DAX durch ihren Anstieg zwar zunehmend Luft nach oben, grenzt ihn auf der anderen Seite aber immer wieder spürbar ein.

Hinzu kommt, dass der zur Verfügung stehende Spielraum vom Index schon längst ausgeschöpft ist. Ein paar Punkte mehr oder weniger Spielraum reichen den Anlegern nicht mehr. Sie wollen definitiv mehr. Mehr Luft zum Atem beispielsweise, was nach Lage der Dinge nichts anderes als einen Ausbruch über den begrenzenden Widerstand bedeuten würde.

Doch dieser Ausbruch, das zeigen die vergangenen Wochen deutlich, will nicht so recht gelingen. Was außer einer blutigen Nase bleibt, wenn man mehrere Male vergeblich gegen eine Wand angelaufen ist, die partout nicht fallen will?

Noch ein letzter Versuch?

Vielleicht unternehmen die Käufer auch in dieser Woche noch den einen oder anderen Versuch, das scheinbar Unmögliche doch noch zu schaffen. Auszuschließen wäre das auf gar keinen Fall.

Schließlich feiert der Wahnsinn nun schon seit einigen Wochen fröhliche Urstände oder etwas vornehmer ausgedruckt: kennt die Freude über das frisch geschöpfte Geld der EZB schon seit Wochen kein Ende mehr.

Aber auch wenn die Anleger noch einmal Anlauf nehmen und erneut nach den Sternen greifen: Ihre Situation wird zunehmend verzweifelter und damit kritischer, denn der DAX existiert leider nicht im Vakuum des Weltraums oder in der Unendlichkeit des neu geschaffenen EZB-Geldes, sondern er ist rückgebunden an die konjunkturelle Lage und die Wall Street.

Von der hat er sich in den zurückliegenden Monaten zwar deutlich emanzipiert, aber was sind zwei Monate in einer Zwangsehe, in der die Goldene Hochzeit nun auch schon etliche Jahre zurückliegt?

Will heißen: Eine Schwalbe macht bekanntlich noch keinen Sommer, und ob der DAX wirklich ein von den New Yorker Börsen unabhängiges Leben führen kann, ist stark zu bezweifeln.

Die Wall Street sendet deutliche Warnsignale

Der Blick über den Atlantik verheißt aber nicht viel Gutes in dieses Tagen. Zumindest für den heutigen Wochenauftakt dürfte die schwache Vorstellung des Dow Jones vom Freitag eine Hypothek sein, die schwer zu stemmen ist.

Hinzu kommt, dass der DAX auf nahezu allen Ebenen massiv überkauft ist und eine gesunde Korrektur eigentlich mehr als wünschenswert wäre. Aber „uneigentlich“ kommt es ja ohnehin immer anders, als man denkt.

Die in den letzten Wochen erreichte Übertreibung erinnert deutlich an die Exzesse der Jahre 2000 und 2007. An den Kater, der auf die überlange Börsenparty folgte, können sich die meisten Anleger sicher noch gut erinnern.

Kommt es nun genauso? Die Börse ist keine Spielzeugeisenbahn, die immer nur im Kreis fährt. Sie ist auch keine Achterbahn deren Wagen auf ihrer wilden Fahrt immer wieder die gleichen Steigungen und Abwärtsstrecken befahren. Alles ist im Fluss. Vieles kann historische Vorbilder haben, aber nichts muss genauso oder ähnlich ablaufen, wie es in früheren Jahren der Fall war.

Übertreibungsphasen haben die Angewohnheit länger zu dauern, als die meisten es erwarten. Wann sie enden, vermag also niemand mit Bestimmtheit zu sagen. So auch dieses Mal. Wir wissen aus Erfahrung nur eines: Wenn der Umschwung kommt, fällt er in der Regel recht heftig aus. Das sollte uns zu denken geben.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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