DAX rauf, Zinsen runter: Willkommen im Schlaraffenland

Mal Hand aufs Herz: Einen DAX-Stand von 15.000 Punkten können Sie sich den inzwischen vorstellen? Sie können es und Sie können es vielleicht sogar recht leicht? Nun, vor sechs, sieben Jahren, als der DAX nach einem vergeblichen Anlauf auf das damalige Allzeithoch bei 8.150 Punkten mal wieder auf dem Rückzug war, hätten Sie sich mit dieser Vorstellung vermutlich deutlich schwerer getan.

Aber sei’s drum. Wieder die Hand auf das Herz gelegt: Einen Zinssatz von zwei bis drei Prozent auf der Guthabenseite, können Sie sich daran noch erinnern? Nein, nicht mehr oder ja, nur noch ganz schwach? Nun, dann sind wir eigentlich wieder in der Zeit, in der die Indizes an ihren alten Allzeithochs verzweifelten und die Menschen vor der aufkommenden Finanzkrise erstarrten wie das Kaninchen vor der Schlange.

Damals konnte man sich einen DAX-Stand von 15.000 nicht vorstellen und bei den Zinsen, die wir uns heute nicht mehr vorstellen können, brauchte man am Jahresende einfach nur auf den Kontoauszug zu schauen. Ist alles erst ein paar Jahre her, aber so gründlich hat sich unsere Finanzwelt inzwischen geändert – oder sollte ich besser schreiben: So gründlich hat sich unsere Finanzwelt einmal auf den Kopf gestellt?

Wie utopisch ist Utopia?

Das führt mich zu der Frage, ob wir den Weg, den wir in den vergangenen Jahren gekommen sind, auch wieder zurückgehen könnten? Also Finanzkrise 2.0 spielen, den DAX auf altbekannte Niveaus herunterprügeln und die Zinsen in heute astronomisch anmutende Höhen treiben, also um zwei bis drei Prozent wieder ansteigen lassen, weil der Zins ja irgendwie das gestiegene Risiko widerspiegeln muss?

Hört sich alles irgendwie noch möglich an, scheint aber auf der anderen Seite doch total utopisch zu sein. Die Trader dürften mit einem wieder deutlich vierstelligen DAX noch die geringsten Probleme haben. Schließlich kann man auch in fallenden Märkten Geld verdienen, wenn man sich beizeiten auf die Verkäuferseite stellt.

Die Sparer würden dem Gedanken sicher auch eine Menge Positives abgewinnen können. Und der Rest der Welt? Der würde leider gnadenlos untergehen und damit sind wir bei dem Grund angekommen, der dieses Szenario definitiv verhindern wird.

Diese vielen Untergänge wird keiner wollen, die Politik nicht und die Repräsentanten des Finanzsystems auch nicht. Den Finanzministern dieser Welt würden ihre „grundsoliden“ Haushalte um die Ohren fliegen und den überschuldeten Unternehmen und Privaten würde es ähnlich ergehen.

Einmal das Griechenlandgefühl für alle und zum Nulltarif

Eine der interessantesten Fragen für die Zukunft wird sein, ob wir auch alle so reagieren, wie die Griechen es momentan tun, wenn sich das Griechenlandgefühl überall auf der Welt einstellen wird?

Will heißen: Werden auch wir dann weiterhin unbekümmert über unsere Verhältnisse leben wollen, auch wenn jedem längst klar sein sollte, dass dies nicht gehen wird, weil der schuldenfinanzierte Konsum nicht Reichtum und Wohlstand, sondern Abhängigkeit von niedrigen Zinsen, geduldigen Banken und nachsichtigen Gläubigern bedeutet.

Die Griechen lassen diese Weitsicht gerade nicht erkennen und fordern ungeniert ein trotziges ‚weiter so‘. Dass bei uns oder in anderen Ländern eine größere Einsicht herrschen wird, möchte ich mal bezweifeln. Lieb gewonnene Gewohnheiten gibt der Deutsche genauso ungern auf wie der Franzose, Italiener, Spanier oder eben der Grieche.

Die Gewohnheiten mögen andere sein. Das Beharrungsvermögen sollte überall ähnlich stark ausgeprägt sein. Womit klar ist, dass eine Rückkehr zur finanzpolitischen Normalität mit der Ankunft der globalen Revolution gleichzusetzen ist, denn auch in den aufstrebenden Ländern Asiens sind die Schulden in den vergangenen zehn Jahren extrem gestiegen.

Letzte Fluchtmöglichkeit: Antarktis

Wenn aus der Schuldennummer niemand mehr ungeschoren herauskommt, dann heißt das auf der anderen Seite, dass es die Sicherheit vor dem Finanztsunami einer starken Zinserhöhung faktisch nur noch in der Antarktis gibt und dort pfeift bekanntlich aus anderen Gründen der Wind recht unangenehm.

In diesem Sinn bleibt zu hoffen, dass die Sackgasse, in die wir uns vor Jahren begeben haben, endlos ist und wir im Schlaraffenland eines immer steigenden DAX und konstant niedriger Zinsen angekommen sind.

Dem Traum sollten wir uns noch eine Weile hingeben, zumindest bis zur nächsten ernsthafteren Korrektur.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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