Geht der DAX jetzt mit Volldampf in die Tiefe?

Ist das der große Moment, auf den die Verkäufer seit Wochen gewartet haben? Führt man sich nur vor Augen, dass der DAX gestern nicht unerhebliche 186 Punkte verloren hat, könnte man schnell geneigt sein, das Lager zu wechseln und von nun an bis auf Weiteres nur noch mit fallenden Kursen rechnen.

Doch wie so oft an der Börse gibt es einige ‚aber‘ und viele ’sowohl als auch‘, die eine eindeutige Aussage erschweren und uns für die kommenden Handelstage viele Möglichkeiten eröffnen.      

Überkauft ist der DAX schon lange. Der Abstand zur 200 Tage-Linie ist groß, wenn auch noch nicht so groß, dass man von einem neuen Rekord sprechen könnte. Wer in den späten 1990er Jahren schon am Markt war, der kann sich vielleicht noch an die noch schlimmeren Exzesse der Jahre 1997 und 1999/2000 erinnern. Um die zu erreichen, müsste der DAX noch ein ganzes Stück weit steigen und sich Richtung 13.200 Punkte auf die Reise machen.

Außerdem ist der DAX nun schon seit Wochen überkauft und alles, was passiert ist, ist, dass ein ohnehin schon steiler Trend in einen noch steileren übergegangen ist. Der gestrige Tag könnte die Phase der Übertreibung beendet und eine Zeit der Korrektur eingeläutet haben. Er könnte aber auch das Schicksal aller vorangegangenen Tage mit Verlusten erleiden und schnell wieder vergessen werden.

Achten Sie auf das Gap vom Montag

Am Montagmorgen ist der DAX mit einer Kurslücke in den Handel gestartet. Der gestrige Dienstag nahm die Gewinne des Vortags zwar zum großen Teil wieder vom Tisch, doch den Verkäufern gelang es nicht, auch die Kurslücke ganz zu schließen.

Sie könnten deshalb heute geneigt sein, einen weiteren Anlauf in diese Richtung zu unternehmen. Gelingt er, verstärken sich die Aussichten auf eine größere und auch länger anhaltende Korrekturbewegung.

Steigt der Index jedoch wieder an, ohne das Gap zuvor vollständig zu schließen, setzen die Käufer wie vor wenigen Wochen ein deutliches Achtungszeichen. Auch im späten Februar vermochten die Verkäufer eine bestehende Lücke aus den Vorwochen nicht vollständig zu schließen. Die Konsequenz kennen wir: Das Gespenst einer Korrektur war schnell verflogen und der DAX stieg anschließend deutlich an.

Es gibt keine Gewähr dafür, dass es wieder so kommt. Auf der anderen Seite ist es aber auch ebenso gefährlich, auf eine unmittelbar bevorstehende Korrektur zu setzen. Sie kann kommen, keine Frage, sie kann aber auch ebenso gut noch einige Tage auf sich warten lassen.

Ist die FED das Zünglein an der Waage?

Warum das so ist, verrät ein Blick auf den Terminkalender dieser Woche. Am Freitag steht der große Verfallstag auf dem Programm und heute tagt in den USA die amerikanische Notenbank. Das allgemeine Interesse an dieser Sitzung ist wieder einmal sehr groß. Es reduziert sich aber im Grunde nur auf ein einziges Wort.

Dass dieses Wort ‚geduldig‘ heißt, ist fast eine kleine Ironie des Schicksals, denn dass notorisch ungeduldige Anleger in einem Statement der FED geduldig nach dem Wort ‚geduldig‘ suchen, kommt an den hektischen Finanzmärkten eher selten vor.

Aber die FED hat erklärt, dass sie das Wort ‚geduldig‘ aus ihrer Erklärung streichen wird, wenn sie den Markt auf eine bevorstehende Zinserhöhung hinweisen will. Nun darf also wieder Sitzung für Sitzung darauf spekuliert werden, ob das Wort es erneut in den Wortlaut der Notenbank-Erklärung geschafft hat oder nicht.

Bis 19 Uhr werden noch Wetten angenommen

Wie immer liegt die Wahrscheinlichkeit bei 50 Prozent plus oder minus X. Der Ölpreis und die Inflation in den USA sind niedrig. Beides würde durchaus für eine baldige Zinserhöhung sprechen. Auf der anderen Seite würden steigende Zinsen in den USA den US Dollar gegenüber dem Euro weiter ansteigen lassen.

Den Exporteuren in den USA käme eine solche Entwicklung ganz bestimmt mehr als ungelegen und auch die US-Notenbank könnte geneigt sein, ihr zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht allzu viel Gutes abzugewinnen. Beides würde dafür sprechen, dass man die Zinsen zunächst noch dort lässt, wo sie sich im Moment befinden.

Sofern sich der DAX nicht schon in den ersten Handelsstunden dazu entscheidet, das Gap zu schließen und eine ernsthafte Korrektur einzuleiten, könnte der Handelstag wieder von einem zögerlichen Abwarten gekennzeichnet sein. Sodass sich vor der Veröffentlichung des FED-Statements niemand weit aus dem Fenster lehnen möchte und danach möglicherweise alle Dämme brechen. In welche Richtung, das wird uns Janet Yellen ab 19.30 Uhr verraten.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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