Neue EZB-Zentrale: Drinnen Party, draußen brennende Polizeiwagen

Frankfurts neuester und vielleicht auch schrägster Geld- und Glaspalast ist seit gestern offiziell eröffnet. Das wäre nicht unbedingt eine Schlagzeile, die über die Stadt hinaus Aufmerksamkeit finden würde, ginge es nicht zufälligerweise um den neuen Sitz der Europäischen Zentralbank.

Der wurde gestern offiziell eingeweiht. Zur Feier im kleinen Rahmen kamen etwa hundert geladene Gäste und einige Tausend Demonstranten, deren gewaltbereite Teile der Stadt und EZB im Allgemeinen und der Polizei im Besonderen wohl nicht ganz so willkommen gewesen sein dürften.

Es ging recht hoch her gestern in Deutschland Finanzmetropole. Sektgläser klirrten, blaue Bänder wurden feierlich durchschnitten, Autoreifen und Polizeiwagen brannten und als Zeichen „gegenseitiger Hochachtung und persönlicher Wertschätzung“ flogen Pflastersteine und Gummigeschosse im hohen Bogen vom einen Lager ins andere.

Was bleibt am Ende eines solchen Tages? Zunächst einmal Bilder des Protests, die an Bürgerkrieg und Studentenunruhen erinnern, den wahren Kern des Problems aber nicht mehr zu transformieren vermögen.

Geht es noch um Arm und Reich – oder doch schon wieder um die klassische Frage nach Herrscher und Beherrschten? Geht es noch um Geld oder schon längst um unserer aller Zukunft?

Was keiner mehr versteht …

Antworten auf diese Frage gibt es viele und sie kranken alle daran, dass die meisten, die sie hören, noch immer daran glauben, dass es in unserem modernen Finanzsystem Geld netto gibt.

Dem ist leider nicht mehr so, denn die Schulden des einen sind die Guthaben des anderen. Ein siamesisches Zwillingspaar, das entweder gemeinsam überlebt oder gemeinsam untergeht. Ein Ende der Schulden ohne ein gleichzeitiges Ende der Guthaben gibt es nicht.

Die Aktivisten, vor allem jene aus dem linken Lager, werden wohl noch eine Weile benötigen, bis sie die Botschaft endgültig verstanden haben, zumal das Geld, um das es geht, vorzugsweise das Geld der anderen ist. Und über dieses kann man nach alter Gutsherrenart erstens beliebig und zweitens frei verfügen, wenn man drittens die Macht dazu hat.

… und niemand mehr wahrhaben will

Wie das große Ringen ausgeht, ist immer noch offen. Das macht die aktuelle Lage – je nach persönlicher Sichtweise – entweder unheimlich spannend oder ausgesprochen unübersichtlich.

Gespielt wird das Spiel auf der großen, politischen Bühne derzeit zwischen Griechenland und seinen internationalen Geldgebern, auf der mittleren Ebene zwischen dem Staat und seinen Steuerbürgern und noch eine Ebene tiefer zwischen Banken und Sparern.

Auf allen Ebenen steht noch das aus, was ich einmal den finanzpolitischen Offenbarungseid nennen möchte. Ein unschönes Wort, ich weiß. Aber mal ehrlich: Gefallen Ihnen die Worte ‚Staatsbankrott‘ oder ‚Pleite‘ wirklich besser?

In welche sprachliche Hülle Sie das Kind am Ende verpacken werden, ist mir vergleichsweise egal. Sie ändert nämlich nicht viel an den Konsequenzen und die sind in etwa so, wie die aktuelle Lage im DAX: Von den Kursgewinnen und dem schönen neuen Allzeithoch vom Montag ist nicht mehr viel geblieben. Die sind einfach weg.

Fragt sich nur, ob sie noch einmal wiederkommen? Beim DAX hat die Hoffnung eine gewisse Berechtigung, beim Geld, das man einem insolventen Schuldner geliehen hat, ist sie eher unberechtigt. Darüber können auch klirrende Sektgläser und brennende Autoreifen nur schwer hinwegtäuschen.

 

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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