Wie tief wird der DAX nun stürzen?

Die Stimmung der Anleger auf dem Frankfurter Parkett wechselt. Nicht unbedingt dramatisch, aber doch deutlich vernehmbar werden immer mehr optimistischere Dur-Töne durch die dumpferen Moll-Varianten ersetzt. Mit etwas Phantasie kann aus einer normalen Korrektur dann schon einmal schnell ein handfester Crash werden.

Doch ist diese vorgezogene Weltuntergangsstimmung wirklich angebracht und der augenblicklichen Lage angemessen? Die Antwort auf diese Frage hängt ein wenig von der Perspektive ab, mit der Sie in diesen Tagen auf Kurse und Charts schauen.

Gehören Sie zu den Leuten, die sich von der Euphorie der letzten Wochen den eigenen Verstand haben vernebeln lassen, so können Sie im Augenblick kaum anderes als in den schwachen Kursen einen massiven Angriff auf sich selbst und die Fundamente der Börse zu sehen.

Hinter einer solchen Weltsicht steht dann die Ansicht: Es gibt ein natürliches Recht auf höhere Kurse und die Börsen müssen ewig und ohne Unterbrechung steigen, wenn die Notenbanken die Märkte mit ihrem billigen Geld überschwemmen.

Es gibt sicher den einen oder anderen Zeitgenossen, der diesem Bild huldigt. Ich gehe aber davon aus, dass Sie eher nicht zu dieser Gruppe gehören, denn diese Weltsicht ist am Ende doch ein wenig extrem und einseitig.

Extreme Ansichten sind selten von Vorteil

Nicht minder extrem sind die Anleger, die sich jetzt schon panisch vor dem Ende der Maßnahmen der EZB fürchten. Dass die Märkte reagieren werden, wenn das billige Geld der Europäischen Zentralbank eines Tages nicht mehr zur Verfügung steht, ist zu erwarten.

Doch noch sind wir im ersten Monat dieser ebenso gigantischen wie möglicherweise überflüssigen Geldschwemme und weitere 15 Monate sollen noch folgen. Macht es also Sinn, sich jetzt schon vor dem möglichen Ende mit Schrecken zu fürchten?

Im Prinzip ja, praktisch eher nicht oder wie würden Sie reagieren, wenn Sie im Hochsommer bei 35 Grad im Schatten im Freibad auf der Liegewiese liegen und der Nachbar sich plötzlich seine dicke Wollmütze aufsetzt, weil das Ende des Sommers absehbar ist und es deshalb zwangsläufig bald wieder schneien wird?

Abwarten und den DAX entscheiden lassen

Mein Vorschlag an dieser Stelle: Überlassen Sie die Extrempositionen ruhig den Extremisten, aber behalten Sie sich selbst Ihren gesunden Menschenverstand. Auf den DAX bezogen heißt das: Die lang erwartete Korrektur ist angelaufen. Sie war überfällig, und weil der DAX in der Hitze des Gefechts weit über das Ziel hinausgeschossen ist, wird das Zurückschneiden der Exzesse nun auch ein wenig mehr Zeit und vielleicht auch ein paar mehr Punkte Abschlag erfordern.

Ein Weltuntergang ist das nicht, nicht einmal ein halber, denn der langfristige Aufwärtstrend ist weiterhin intakt und noch in keinster Weise infrage gestellt. Bislang hat sich eine Flagge entwickelt. Diese sind grundsätzlich trendbestätigend, was in diesem Fall für eine fortgesetzte Aufwärtsbewegung sprechen würde.

Da an der Börse aber immer alles möglich ist, muss abgewartet werden, zu welcher Seite der DAX die Flagge schlussendlich verlassen wird. Bis es so weit ist, dürfte aber noch der eine oder andere nervtötende Seitwärtstag anstehen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

Leave a comment:


Latest posts