DAX: Wenn aus Bullenträumen Albträume werden

Mit einer wirklich grausigen Vorstellung hat sich der DAX am Freitag ins Wochenende verabschiedet. Es war kleiner Verfallstag und der Markt hing schon die ganze Woche mehr oder weniger in den Seilen, doch das war im Grunde erst der Anfang.

Zur Mittagszeit, also zum Verfall selbst brach der Index regelrecht ein und stabilisierte sich erst 200 Punkte tiefer, wenn man hier überhaupt von „stabilisieren“ sprechen will, denn mehr als eine Seitwärtsbewegung über viereinhalb Stunden gelang nicht. Danach ging es weiter hinab in tiefere Regionen.

Die Käufer streikten mal wieder, und ob sie sich in der neuen Woche erneut aus ihrer Deckung hervorwagen werden, das ist die spannende Frage. Ob man sie mit einem klaren „Ja“ oder doch lieber mit einem entschiedenen „Nein“ beantworten will, ist vermutlich eine Frage des Horizonts, in diesem Fall genauer gesagt des Zeithorizonts.

Ansätze für eine Bodenbildung gibt es noch nicht. Das, was wir am Freitag als den Versuch einer Bodenbildung ansprechen konnten, wurde am späten Nachmittag wieder abverkauft, sodass die Stabilisierung im Bereich von 11.750 Punkten zunächst einmal als gescheitert angesehen werden muss.

Wichtige Unterstützung voraus

Tiefere Ziele sind also nicht nur möglich, sondern vielleicht auch zwangsläufig, weil wir kurz vor einer ersten wichtigen Unterstützung stehen. Will der Index sie noch testen, bevor es wieder aufwärtsgeht, sind tiefere Kurse nicht unwahrscheinlich.

Sehr viel tiefer sollte es zunächst nicht mehr gehen, denn bei 11.600 sollten sich die Käufer zeigen und erstmals mit neuen Longpositionen eindecken. Kommt es so, sehen wir heute nach einem schwachen Börsenstart mit weiteren Verlusten mit etwas Glück eine Gegenbewegung, die diesen Namen auch zurecht trägt.

Der DAX stabilisiert sich dann anders als am Freitag nicht nur über einige wenige Stunden, sondern setzt zu einer längeren Aufwärtsbewegung an, die sowohl zeitlich als auch preislich, die maue Seitwärtsbewegung vom Freitag klar in den Schatten stellt.

Das führt natürlich sofort zu der Frage, wie lang „lang“ im Zweifelsfall ist und wie hoch die Bewegung den Index wieder steigen lassen könnte. Am Freitag fiel der DAX um 250 Punkte zurück und korrigierte dann um bescheidene 50 Punkte. Es wurden also gut 20 Prozent der vorherigen Bewegung wieder zurückgenommen.

Wie immer: Die Stärke des Marktes zeigt sich an der Gegenbewegung

Eine Gegenbewegung, die für sich in Anspruch nimmt etwas nachhaltiger zu sein, sollte auf mindestens die doppelte Stärke kommen und den Anforderungen an eine Minimalkorrektur genügen. Es wären also 38 Prozent vom Tief aus zu bringen, wobei wir uns an 40 Prozent oder mehr sicher auch nicht stören werden.

Geht es sogar höher und die Bullen nehmen gleich die Hälfte der vorangegangenen Abwärtsstrecke wieder zurück, so spricht dies eindeutig für ihre Stärke. Im Gegenzug ist natürlich festzuhalten, dass eine Bewegung, die hinter den Vorgaben, die für eine Minimalkorrektur erforderlich sind, zurückbleibt, ein klares Zeichen von Schwäche ist.

Man braucht also kein großer Prophet sein, um auch für diese Woche die Aussage zu treffen, dass die Stärke oder Schwäche des Marktes an der Länge und Dauer der Gegenbewegung gut zu erkennen sein wird.

Kurzfristig dürfte sich die Lage zum Beginn dieser Woche wieder aufhellen. Ob das „schöne Börsenwetter“ uns jedoch erhalten bleibt, ist noch lange nicht entschieden. Nicht nur das Aprilwetter ist wechselhaft. Der DAX kann es auch sein.

Damit kommen wir zum zweiten Teil der Antwort auf unsere ursprüngliche Frage. Ist die Gegenbewegung nur eine Korrektur und nicht der Beginn einer neuen längeren Aufwärtswelle, wird es im Anschluss schnell wieder abwärtsgehen.

Die heute beginnende Handelswoche hat also alle Chancen Bullen und Bären gleichermaßen auf ihre Kosten kommen zu lassen.

 

P.S.: Übrigens: Jay Thompsen gibt wieder Vollgas. Ob auch in die richtige Richtung, das ist eine ebenso berechtigte wie spannende Frage. Beantwortet wird sie im neuen Band des Winsiders.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

Leave a comment:


Latest posts