Der DAX und die Ruhe vor dem Athener Sturm

Ob die neue griechische Regierung in den letzten Wochen tatsächlich einem Plan gefolgt ist, darüber lässt sich trefflich streiten. Viele politische Beobachter hatten und haben zum Teil immer noch den Eindruck, dass die Athener Regierung eher spontanen Einfällen als einer sorgsam überlegten Strategie folgt.

Europäische Einigungen sind in der Regel Kompromisse, die aus einem gleichzeitigen Geben und Nehmen bestehen. Eine Regierung, die nur fordert, ohne gleichzeitig auch bereit zu sein zu geben, wir Mühe haben, mit ihrer Verhandlungsstrategie erfolgreich zu sein.

Regierungschefs und Minister, die nach Brüssel oder zu anderen europäischen Gipfeltreffen reisen, sollten in ihrem Gepäck deshalb immer einen „Plan B“ haben, der zur Anwendung kommen kann, wenn sich die ursprüngliche Verhandlungsstrategie als nicht mehrheitsfähig erweisen sollte.

Ohne funktionierenden Plan regiert sich leichter

Das Schöne an der erfrischend unkonventionell vorgehenden griechischen Regierung ist, dass sie weder einen „Plan A“ noch einen „Plan B“ zu haben scheint. Dafür kommt „Plan C“ zur Anwendung und der ist in Art und Anwendung geradezu „alternativlos“.

Es erübrigt sich darauf zu verweisen, dass das ‚C‘ im „Plan C“ für Chaos steht. Nun diese Eigenschaft wäre an und für sich nicht so schlimm, hätte sie nicht die unangenehme Eigenschaft, auch auf andere Bereiche des Lebens überzugreifen.

Die Börse ist einer dieser Bereiche. Bislang hat sie dem Thema Griechenland nur recht wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Seit Ende Januar ist in Athen viel geschehen und die Masse der Ereignisse war gewiss nicht geeignet, die Finanzmärkte optimistisch zu stimmen.

Trotzdem fanden diese Entwicklungen an der Börse keinen nachhaltigen Widerhall, denn die Freude über das frische Geld der Europäischen Zentralbank war größer. Zum Glück für die Märkte mussten beide Aspekte, also das Chaos in Athen und die Freude über das frische Geld der EZB, gleichzeitig bewertet werden.

Zeit und Hoffnung sind flüchtig

Außerdem stand immer noch Zeit zur Verfügung. So konnten die Marktteilnehmer die Gefahren zwar als grundsätzlich vorhanden, aber nicht ganz so dominant werten und sich allein der Freude über die Entscheidung der europäischen Notenbanker hingeben.

Diese ebenso schöne wie entlastende Sichtweise sollte nun langsam zu Ende gehen, denn Zeit haben die Griechen und ihre europäischen Gläubiger immer weniger und die Freude über das viele Geld der EZB hat ebenfalls viel von ihrer Zugkraft verloren.

Für die Aktienbörsen sind das beunruhigende Aussichten, denn es muss damit gerechnet werden, dass das Athener Chaos auch in den Charts wieder stärker seine Spuren hinterlässt.

Ich will an dieser Stelle nicht behaupten, dass eine Reaktion unmittelbar bevorsteht, doch sollten wir uns nicht wundern, wenn die Märkte in den kommenden Wochen und Monaten auf Entwicklungen in Athen wieder stärker reagieren werden, als dies in der jüngeren Vergangenheit der Fall war.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

Leave a comment:


Latest posts