Die Griechen sparen zu wenig, die Amerikaner zu viel

Die Griechen sparen nicht genug und die Amerikaner zu viel. Auf diesen Nenner könnte man zwei wichtige finanzpolitische Diskussionen dieser Tage reduzieren. Der Regierung in Athen geht langsam aber sicher das Geld aus. Insofern ist sparen in der südöstlichen Problemzone der Europäischen Union mehr als angebracht.

Der chronisch klammen griechischen Regierung ist es in der laufenden Woche zwar gelungen, eine fällige Kreditrate an den Internationalen Währungsfonds (IWF) zu überweisen, doch so richtig zu überzeugen vermag dieser Erfolg nicht, denn das Geld wurde größtenteils von einem eigenen Notfallkonto beim IWF selbst abgezweigt.

Dessen Statuten sehen vor, dass das Konto nun, nachdem der Notfall eingetreten ist, auch schnell wieder aufgefüllt wird. Von einer wirklichen „Bezahlung“ kann somit nur sehr eingeschränkt gesprochen werden und aus der Rückschau wirkt der Schachzug der Athener Regierung eher wie ein unseriöses Zeitspiel.

Eine solche Strategie könnte man Alexis Tsipras und seiner Regierung kurzfristig noch durchgehen lassen, wenn man in den Verhandlungen mit den Gläubigern kurz vor einem entscheidenden Durchbruch stünde. Doch danach sieht es momentan eher nicht aus. Es sind zwar Fortschritte zu verzeichnen, doch die sind viel zu gering angesichts der Fülle an Problemen, die es noch zu lösen gilt.

Die Unsicherheit über den Verbleib Griechenlands in der Währungsunion und das weitere Schicksal des Euros lähmen den DAX nun schon seit einigen Wochen. Es wäre vermessen zu behaupten, es sei allein die griechische Krise, die den deutschen Leitindex seit Mitte März daran hindert weiter anzusteigen. Trotzdem ist deutlich spürbar, dass die Unsicherheit bremst.

Sparen oder nicht sparen – das ist die Frage

Während es den Anschein hat, als würde in Griechenland tendenziell zu wenig gespart, erhebt die Finanzwelt gegenüber den amerikanischen Konsumenten genau den gegenteiligen Vorwurf. Im Land des unbegrenzten Konsums wird angeblich zu viel gespart.

Die Konsumausgaben in den USA sind rückläufig, aber sie sind es nicht durchgängig und ein genauer Blick auf die einzelnen Sparten offenbart sehr schnell, dass die US-Konsumenten seit Beginn des Jahres etwa 20 Prozent weniger für Energie und Treibstoff ausgeben.

Im Hintergrund steht der gefallene Ölpreis und die für viele offenbar überraschende Beobachtung, dass die US-Amerikaner das Geld, das sie an der Tankstelle sparen, nicht sofort an anderer Stelle ausgeben.

Es wird offenbar genutzt, um bestehende Schulden zu tilgen oder finanzielle Reserven zu bilden. Dagegen ist vor dem Hintergrund der chronisch schwachen Sparquote in den USA eigentlich nichts einzuwenden.

Die Medien jenseits des Atlantiks sind dennoch nicht begeistert. Sie würden es mehr begrüßen, wenn die US-Konsumenten das beim Tanken gesparte Geld an anderer Stelle in den Konsumkreislauf einfließen lassen.

Ob diese Vorgehensweise wirklich angemessen ist, sei einmal dahingestellt. Sehr schön wird aber in der Kritik deutlich, dass der Konsum heute nicht mehr für den Menschen da ist, sondern der Mensch nur noch für den Konsum gebraucht wird.

Ob ein Sparer in einer zukünftigen Krise noch finanzielle Rücklagen hat, ist mehr oder weniger egal. Wichtig ist nur, dass jetzt weiter bis zum Anschlag konsumiert wird, denn gespartes Geld, das auf dem Konto ungenutzt zurückgehalten wird, scheint einfach nur gefährlich zu sein.

So bleibt am Ende eine recht merkwürdige Beobachtung: Für die Finanzmärkte im Allgemeinen und damit auch für den DAX im Besonderen sparen die Griechen zu wenig und die Amerikaner zu viel. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

Würden die einen mehr sparen und die anderen deutlich mehr Geld für ihren Konsum ausgehen, könnte die Reise zu neuen Hochs längst wieder aufgenommen sein.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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