Der DAX, die Notenbanken und das Liquiditätsproblem

An der Börse treffen bekanntlich Käufer und Verkäufer aufeinander und selbst an Tagen, an denen die Kurse steil gen Himmel steigen, gibt es auch auf den erhöhten Niveaus immer noch Verkäufer, auch wenn es vordergründig den Anschein hat, als wären nur noch die Käufer am Zug.

In der Abwärtsbewegung ist es nicht anders. Selbst in einem veritablen Crash gibt es immer noch jemanden, der kauft. Die Käufer scheinen ausgestorben zu sein, sind es aber nicht, weil auch auf dem Tief noch immer Hände da sind, die Geld geben, um Aktien oder andere Wertpapiere im Gegenzug dafür zu erhalten.

So weit die Theorie und die bisherige Praxis. Der starke Einbruch der Rentenmärkte in den vergangenen Wochen mahnt aber zur Vorsicht. Wie kann es sein, dass sich die Zinsen der deutschen Bundesanleihen mal eben verzehnfachen, ohne dass ein großer Krieg ausgebrochen ist oder die Kanzlerin vor die Presse getreten ist und vor einem unmittelbar bevorstehenden Staatsbankrott gewarnt hätte?

Die Erklärung für dieses merkwürdige Phänomen findet sich nicht in den Börsenberichten der Nachrichten oder den Wirtschaftsteilen der Zeitungen, sondern im Orderbuch. Dort ereignen sich derzeit Phänomene, die wir eigentlich nur von exotischen Märkten und sehr illiquiden Aktien kennen.

Die Notenbanken bestimmen zunehmend die Märkte

Dünnt die Käufer- oder Verkäuferseite stark aus, kann es überraschend zu sehr starken Kursbewegungen kommen, wenn plötzlich wie aus dem Nichts Kaufinteresse aufkommt oder Verkaufsdruck entsteht.

An den Rentenmärkten war es zunächst das Kaufinteresse der Europäischen Zentralbank, das die Kurse steigen ließ und die Renditen der Anleihen auf ein zuvor nicht gekanntes Niveau gedrückt hat.

Negative Zinsen nicht nur für die großen Geschäftsbanken, sondern auch für die einfachen Sparer wurden diskutiert und für möglich gehalten. Dieses System funktioniert natürlich nur über Zwang, denn kein Mensch kommt freiwillig auf die Idee, eine Investition zu tätigen, bei der er schon im Vorfeld weiß, dass er Geld verlieren wird. Bevor das geschieht, tun wir alle lieber nichts, und das aus gutem Grund.

Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt

Jetzt wird zwar eifrig über ein Verbot des Bargelds diskutiert und dieser Schritt als rettender Ausweg proklamiert, doch das mediale Theater kann nicht darüber hinwegtäuschen, wie tief der Karren schon im Dreck steckt.

Die klassischen Marktgesetze von Angebot und Nachfrage, Zins und Risiko sind bereits so weit außer Kraft gesetzt, dass offenbar nur noch Zwang und Gewalt weiterhelfen können.

Druck erzeugt bekanntlich Gegendruck und eine Regierung, die verzweifelt versucht, das Volk in die eine Richtung zu zwingen, wird früher oder später feststellen, dass ein immer größerer Teil ihrer störrischen „Untertanen“ versucht, in die andere Richtung zu entweichen.

Diese Aussage gilt selbstverständlich auch für das „Investorenvolk“. Auch hier lässt sich die Masse nur begrenzt steuern und in eine Richtung drängen. Was passiert, wenn die Mehrheit den Vorgaben nicht mehr folgt, war am Rentenmarkt in den letzten Wochen sehr schon zu beobachten.

Wenn nur noch die Notenbanken kaufen, ist das Ende der Fahnenstange erreicht

Weil außer der Europäische Zentralbank niemand mehr bereit war, die deutschen Staatsanleihen zu diesen hohen Kursen zu kaufen, tat sich eine Lücke im Orderbuch auf. Sie wurde in dem Moment für alle sichtbar, in dem die EZB selbst nicht mehr kaufte. Die Kurse gaben schlagartig nach und die Renditen explodierten geradezu.

Die Anleger im DAX zeigten sich schockiert, weil sie mit einer derartigen Entwicklung nicht gerechnet hatten. Sie könnten sich in Zukunft noch einmal schockiert zeigen, und zwar dann, wenn sie feststellen müssen, dass diese Liquiditätsproblematik auch an den Aktienmärkten greift.

Nicht nur am Rentenmarkt engagieren sich die Notenbanken derzeit sehr stark als Käufer. Die Bank of Japan stützt den japanischen Aktienmarkt, die Schweizer Notenbank sitzt auf einem milliardenschweren US-Aktienpaket, das rund 15 Prozent der Schweizer Wirtschaftsleistung ausmacht und auch in den USA steigen die Kurse, obwohl die großen Aktienfonds eher Mittelabflüsse zu verzeichnen haben.

Wenn nur noch die Notenbanken kaufen, mit ihren Käufen die Kurse nach oben treiben und damit eine Illusion von vermeintlichem Wohlstand suggerieren, die faktisch nicht gerechtfertigt ist, wächst das Potential für eine gewaltige Ernüchterung.

Sie wird noch nicht heute oder morgen über uns hereinbrechen. Aber ihr Aufscheinen könnte ähnlich überraschend kommen, wie die Wende am Rentenmarkt in den vergangenen Wochen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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