Der DAX und sein Athener Schatten

Zunächst hieß es das klamme Griechenland sei schon im April pleite, dann wurde der Mai als Todeslinie benannt. Inzwischen sind wir dank der kreativen Haushaltsführung der neuen Athener Regierung beim 5. Juni angekommen.

Nun scheinen aber auch den neuen Machthabern in Athen so langsam aber sicher die Ideen auszugehen. Immer deutlicher wird vor der Gefahr gewarnt, dass das europäische Problemland Nummer eins in Kürze zahlungsunfähig ist.

Neu ist diese Gefahr nun wirklich nicht. Insofern wundert es auch niemanden mehr, dass das Thema Griechenland die Märkte bei Weitem nicht mehr so in Atem hält wie noch vor zwei oder drei Jahren.

Doch auch die Marktteilnehmer werden noch lernen müssen, was Alexis Tsipras und seine Ministermannschaft seit ihrem Amtsantritt im Januar erkennen musste: Auch durch hartnäckiges Ignorieren lösen sich grundlegende Probleme nicht.

Alles nur Show?

Es könnte natürlich sein, dass ausgerechnet Athen jetzt vor der eigenen Unfähigkeit weitere Zinszahlungen zu leisten nur deshalb so laut warnt, weil man die Gläubiger verängstigen und mit dieser Strategie unter Druck setzen will.

Allerdings haben sich die in den letzten vier Monaten ausgesprochen gelassen gezeigt. Das Schreckgespenst „Staatsbankrott in Griechenland“ hat ebenso viel von seinem Bedrohungspotential verloren wie die Befürchtung, dass der Euro durch den Austritt der Griechen auseinanderfallen könnte.

Mit beidem hat man sich offensichtlich abgefunden oder zumindest schon so weit abgefunden, dass allgemeine Einigkeit darüber besteht, dass es auch nach einem totalen Kollaps in Griechenland irgendwie weitergehen wird mit den Finanzmärkten im Allgemeinen und dem Euro im Besonderen.

Bleibt die Frage, ob es eher ein Segen oder ein Fluch ist, wenn die unangenehmen Nachrichten ausgerechnet in der Sommerzeit kommen. Das Sommerloch ist medial gefürchtet, denn es gibt nicht sehr viel, über das man dann noch berichten kann und so werden sich die Journalisten geradezu zwangsläufig auf die Entwicklung am Südostrand der EU stürzen müssen.

Augen zu und durch

An der Börse sind die Sommermonate für ihre schwächeren Umsätze bekannt. Panik kann leichter als sonst um sich greifen und zu unschönen Chartmustern führen, wenn nur noch einige wenige größere Adressen mit an Bord sind und gerade diese Akteure zu Verkäufen neigen.

Auf der anderen Seite erleichtert der geringere Börsenumsatz den Notenbanken Stützungsmaßnahmen aller Art. Vor allem dann, wenn die ergriffenen Strategien nicht nur verbaler oder medialer Art sind, sondern auch eine Intervention an den Renten-, Devisen- und Aktienmärkten vorsehen.

Insofern dürften wir heute schon gespannt auf den nahenden Juni schauen. Gleich zu Anfang wird sich zeigen, ob die Warnungen aus Athen nur Regierungspropaganda zur Einschüchterung der Gläubiger waren oder den bislang recht kreativen Kassenwarten tatsächlich die Ideen ausgegangen sind.

Anschließend darf man auf die Reaktion der Notenbanken gespannt sein. Dass sie den Pessimisten unter den Marktteilnehmern kampflos das Feld überlassen werden, ist eher nicht zu erwarten. Die Frage ist also nicht mehr, ob EZB und Co. stützend in das Marktgeschehen eingreifen werden, sondern nur wann und wie.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

Leave a comment: