Vertrauen: Eine Währung wird verspielt und keiner merkt es

Was hat die Stichwahl um das Präsidentenamt in Polen vom vergangenen Sonntag mit den Finanzmärkten zu tun? Vordergründig nichts oder zumindest nicht viel. Doch bei näherer Betrachtung ergeben sich einige auffällige Berührungspunkte, die zumindest zum Nachdenken anregen sollten.

Gewonnen hat die Präsidentenwahl ein Mann, den noch vor gut einem Jahr kaum jemand kannte. Verloren hat das Amt ein Präsident, der vor wenigen Wochen noch eine komfortable Mehrheit hinter sich wähnte.

Zwischen den günstigen Wahlprognosen für den Amtsinhaber und der Wahl vom Sonntag lagen nur einige wenige Wochen. Zu wenig Zeit, um die Geschicke eines Landes einschneidend zu verändern, aber lang genug, um eine Währung zu verspielen, mit der in allen Teilen der Welt immer fahrlässiger umgegangen wird: Vertrauen.

An dieser Stelle schließt sich der Kreis und wir verlassen die politische Bühne und wenden uns der finanziellen zu. In Frankfurt – oder besser gesagt in Frankfurt und London war in der vergangenen Woche zu beobachten, wie schwer Vertrauen aufzubauen und wie leicht es zu verlieren ist.

EZB verspielt leichtfertig Vertrauen und Reputation

Der DAX hat die vergangene Woche mit einem ansehnlichen Plus beendet. Schaut man allerdings genauer hin, stellt man schnell fest, dass der Zuwachs im Grunde nur einer einzigen Nacht zu verdanken war. Der Rest der Woche verlief vergleichsweise ruhig und ereignislos.

Es waren jene dunklen Stunden, die zwischen dem abendlichen Auftritt eines EZB-Ratsmitglieds vor ausgewählten Hedgefonds-Managern in einem Londoner Nobelhotel und der morgendlichen Handelseröffnung in Frankfurt lagen. In diesen 14 Stunden wussten die hochbezahlten Manager bereits, dass die EZB vor dem Beginn der Ferien verstärkt Staatsanleihen aufkaufen wird, während der Rest der europäischen Bevölkerung noch vollkommen ahnungslos war.

Wer anschließend eins und eins zusammenzählen konnte, der wusste oder ahnte zumindest, was kurzfristig geschehen würde: Der Wechselkurs des Euros zum US Dollar brach regelrecht ein und der DAX brach mit einem Gap aus der Lethargie der Vortage aus.

Eine ärgerliche Panne? Auf jeden Fall und die Europäische Zentralbank reagierte umgehend mit einer Verschärfung ihrer internen Richtlinien. Das war angemessen. Ob es ausreicht, den Schaden zu begrenzen, wird sich zeigen. Es bleibt bei der Masse der Bevölkerung das unangenehme Gefühl, im Zweifelsfall erst dann informiert zu werden, wenn andere längst Bescheid wissen.

Die Liste der schlechten Beispiele ist lang

In Zypern war es vor einigen Jahren nicht anders. Da landeten auch erst die Privatjets der reichen Oligarchen aus Osteuropa, um das eigene Geld abzuholen und in Sicherheit zu bringen, und ein paar Tage später schlossen die Banken ihre Schalter und auch die Geldautomaten rückten bis auf Weiteres keine Euroscheine mehr heraus.

Wer nach weiterem Anschauungsmaterial Ausschau hält, der schaut in diesen Tagen nach Washington und Berlin und vertieft sich ein wenig in den Untiefen des aktuellen BND-Skandals oder liest interessiert die E-Mails, die von der Bank of England verschickt werden.

Aus denen geht hervor, dass man sich intern bereits intensiv mit den Folgen eines möglichen Austritts Großbritanniens aus der EU beschäftigt, während man offiziell noch behauptet, sich keine Sorgen zu machen.

Auch in Berlin versprachen Bundesregierung und Kanzleramt zunächst vollmundig Aufklärung und Unterstützung des Parlaments und mauern anschließend so eifrig, dass der geneigte Bürger sich fast zwangsläufig an Walter Ulbricht erinnern muss. „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen.“

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht (mehr)!

Kapital ist bekanntlich ein scheues Reh und es ist nur deshalb so flüchtig, weil das einer jeden Anlage oder Investition zugrunde liegende Vertrauen so leicht erschüttert werden kann.

Mit Vertrauen spielt man deshalb besser nicht. Tut man es doch, sind scharfe Kehrtwenden der Betroffenen nicht nur wahrscheinlich, sondern, das zeigt die jüngste Entwicklung in Warschau, Athen und Brüssel sehr schön, geradezu zwangsläufig.

Hier liegt die Gefahr. Die für Papierwährungen wie den Euro ebenso, wie die für die stark gestiegenen Aktien- und Anleihekurse: Bricht das zugrunde liegende Vertrauen weg, folgt die Reaktion der breiten Masse umgehend. Das war in Polen am Wochenende im Großen nicht anders als bei den Verhandlungen Griechenlands mit seinen Gläubigern im Kleinen.

Ist das Vertrauen einmal verspielt, ist das Spiel faktisch aus, auch wenn sich das Drama anschließend noch eine ganze Weile hinzieht.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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