Der DAX und die nahenden Fieberträume der Anleger

„Wasch mich, aber mach mich nicht nass!“ Wir alle kennen den geflügelten Spruch und wer an einem eisigen Wintermorgen schon einmal kaltes Wasser aus dem Hahn strömen sah und sich dabei die Frage stellte, ob es nun wirklich zwingend notwendig sei, dass dieses unangenehm kalte Wasser nun auch den Weg ins eigene Gesicht findet, der kann leicht die in ihm enthaltene Sehnsucht nachvollziehen.

An den Finanzmärkten werden wir aktuell mit der griechischen Variante des Spruchs konfrontiert. Sie lautet im übertragenen Sinn „Rette mich, aber stell mir bloß keine Forderungen.“

In Athen diskutiert man immer offener den Austritt aus dem Euro und an den eigenen Regierungschef harte Forderungen bezüglich der Verhandlungen mit den europäischen Partnern zu stellen, wird quer durch alle Bevölkerungsschichten immer beliebter.

Prinzipien vor Realität

Neuesten Umfragen zufolge wünschen 59 Prozent der Griechen von ihrer Regierung eine Politik der harten Hand. Natürlich nur gegenüber den Vertretern der Gläubiger. An harte, einschneidende Maßnahmen zur Reform des eigenen Staates wird weitaus seltener gedacht.

Zwar fürchten 46 Prozent der befragten Griechen, dass es ihnen wirtschaftlich schon bald schlechter gehen könnte, aber noch überwiegt die Hoffnung, das drohende Unheil könne doch noch irgendwie an einem vorübergehen.

Realistisch ist diese Erwartung nicht. Im Gegenteil: Die Krise spitzt sich immer weiter zu. Doch das scheint in Athen den wenigsten bewusst und den meisten Politikern reichlich egal zu sein.

Zumindest die Abgeordneten der derzeit regierenden Syriza-Partei scheinen mehr an das nahe eigene Hemd als die fernere Hose, sprich den griechischen Staat zu denken. Innerhalb der Partei wächst die Bereitschaft, lieber den Bruch mit den europäischen Partnern zu riskieren, als eigene Versprechen und Prinzipien aufzugeben.

Die Nachspielzeit läuft

Auf den Fußball und die gerade zu Ende gegangene Bundesligasaison übertragen würde man sagen: Das Spiel ist zwar noch nicht ganz aus, aber es liegt in seinen letzten Zügen, denn die Nachspielzeit läuft.

Es ist nicht nur der unbefriedigende Spielstand im eigenen Stadion, der den Beteiligten das Leben jetzt so schwer macht. Auch die Nachrichten von den anderen Plätzen sind mehr als beunruhigend.

Polen bekommt einen neuen Präsidenten und möglicherweise nach den Wahlen im Herbst auch eine neue Regierung. Doch Polen ist nicht Mitglied der Euro-Zone und damit im Moment noch nicht das Maß aller Dinge.

Größere Sorge kommt eher auf, wenn man an das Euro-Land Spanien denkt. Hier wirken die Kommunalwahlen vom Wochenende fast wie die Ouvertüre zu einem neuerlichen Trauerspiel: einer an die klassische griechische Tragödie angelehnten Wahl mit anschließendem Linksruck und einer erschwerten Regierungsbildung.

Der kleine Grexit als Blaupause für die richtig große Panik

In Großbritannien war es vor einigen Tagen allein das Mehrheitswahlrecht, das Europa ein ähnliches Drama auf der Insel erspart hat. Vorläufig erspart hat, denn nun hängt das britische Europareferendum wie ein Damoklesschwert über den Märkten.

An dieser Stelle wird Griechenland wieder interessant. Sollte es in Athen in Kürze zum Showdown kommen und das Land aus dem Euro austreten, haben die Märkte das Szenario, das sie brauchen, um endlich einmal wieder richtig in Panik zu verfallen.

Natürlich nicht wegen des kleinen Griechenlands und seiner elf Millionen Einwohnern. Wenn ordentlich Panik geschoben wird, dann nur wegen Schwergewichten wie Italien, Spanien oder eben England.

Eine kleine Sommergrippe gefällig?

Weil die Börsen die unangenehme Angewohnheit haben, Szenarien, auch solche extrem negativer Art, vorwegzunehmen, könnte es im Sommer bzw. in der zweiten Hälfte des Jahres die britische Karte sein, die von den Märkten mit aller Leidenschaft gespielt wird.

Was immer im Juni in Athen und Brüssel Schlimmes geschehen mag. Es wäre dann nur die unscheinbare Vorstufe zu einem viel schwereren Fiebertraum, der sich vor allem mit der Finanzmetropole London verbindet.

Es wird zwar kalendarisch bald Sommer. Aber vielleicht müssen wir uns gerade im Blick auf die Märkte in den nächsten Wochen besonders warm anziehen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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