Gerüchte und eine Spur Hoffnung treiben den DAX

Geben Sie ruhig zu, dass Sie es immer schon gewusst haben: Der Ball ist rund und die Erde eine Scheibe, zumindest eine Drehscheibe für das große Geld. Das große Geld weiß aber momentan offensichtlich nicht so recht, wohin es als nächstes fließen soll.

Bislang waren die Staatsanleihen gesucht. Sie galten und gelten noch immer als der klassische „sichere Hafen“. Nur welchen Preis sind die Anleger bereit, für diese vermeintliche Sicherheit zu bezahlen?

In den ersten Monaten des Jahres waren sie bereit, nahezu jeden Preis zu zahlen. Die Kurse der Bundesanleihen stiegen und die Rendite fiel sogar bis in den negativen Bereich. Anfang des Monats drehte die Stimmung. Nun fallen die Kurse der Anleihen des Bundes wieder und die Zinsen steigen.

Macht es Sinn, gegen die Notenbanken zu wetten?

Damit stellt sich ein großer Teil der Investoren bewusst gegen die Europäische Zentralbank, denn deren erklärtes Ziel ist es, die Zinsen in Europa niedrig zu halten, damit die Problemstaaten, Spanien, Italien und Frankreich vor allem, auch weiterhin in der Lage sind ihre Schulden zu bedienen.

Das kleine Griechenland ist so wichtig, dass man es faktisch schon aufgegeben hat, auch wenn das öffentlich natürlich niemand aussprechen wird, zumal die zähen Verhandlungen mit der Athener Regierung immer noch laufen.

Wenn der Rentenmarkt nicht mehr das primäre Ziel des anzulegenden Kapitals ist, stellt sich sofort die Frage, wohin das viele Geld alternativ fließen soll, wenn die Anleihen plötzlich nicht mehr als der Königsweg angesehen werden?

Die Enge der Fluchtwege ist beängstigend

Normalerweise würden sich die Aktien-, Immobilien- und Rohstoffmärkte anbieten, doch sie fallen als echte Alternativen vielfach aus. Für die anzulegenden Summen sind manche Märkte zu klein oder wie im Fall der Immobilien viel zu stark segmentiert. Egal, ob Sie nach London, New York oder Berlin schauen: Es macht in jedem Fall einen großen Unterschied, in welchem Stadtteil ein Haus oder eine Gewerbeimmobilie steht.

Die Aktienmärkte wären, allein von der Größe her betrachtet, eine gangbare Alternative. Doch momentan neigen sie zur Schwäche. Sie tendieren bestenfalls nur seitwärts und in der Vergangenheit haben fallende Rentenmärkte noch nie einen stetig und langfristig steigenden Aktienmarkt begleitet.

Viel eher ist zu erwarten, dass die Nervosität der Anleger von den Anleihen auch auf die Aktien überspringt. In den vergangenen Wochen konnte man an einzelnen Tagen sehr schön beobachten, wie auch die Aktienmärkte zur Schwäche neigten, wenn sich über dem Rentenmarkt ein Gewitter zusammenzog.

Wie ratlos die Anleger seit einigen Wochen sind, erkennen wir zunächst einmal an der Länge und am Verlauf der bisherigen Korrektur. Sie zieht sich scheinbar endlos hin. Dabei kann von einer langen Korrektur immer noch nicht gesprochen werden.

Die Sehnsucht nach der Zuversicht vom Jahresanfang

Dass wir die Bewegung dennoch als „lang“ empfinden, liegt einmal an der Steilheit des vorangegangenen Anstiegs und zum anderen an der Korrekturbewegung selbst. Sie ist ein unmotiviertes Hin und Her, ein Zickzackband, das weder Käufer noch Verkäufer klar begünstigt.

Gestern zog der DAX am Nachmittag plötzlich sprunghaft an und legte in wenigen Minuten um über 100 Punkte zu. Der Auslöser für diese Bewegung war nur ein Gerücht. Angeblich steht eine Einigung im griechischen Schuldendrama unmittelbar bevor.

Das ist zumindest die Ansicht oder Hoffnung der Regierung in Athen. Eine Bestätigung vonseiten der Gläubiger gab es zunächst nicht. Bleibt sie heute oder in den nächsten Tagen aus, könnten die Kursgewinne schnell wieder abgegeben werden.

Beides, die Gefahr eines Abverkaufs wie der steile Kursverlauf nach Bekanntwerden des Gerüchts, zeigt einmal mehr, wie ratlos und orientierungslos die Anleger momentan sind.

Alle scheinen auf das klärende Signal zu warten, von dem momentan niemand weiß, wann es kommt und welche Richtung die Reise im Anschluss gehen wird. Das war vor fünf Monaten noch ganz anders. Da war sich alle Welt einig, dass die Aktien nur goldene Zeiten vor sich haben könnten.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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