DAX: Verlieren die Anleger jetzt die Nerven?

Gestern waren die zähen Verhandlungen der internationalen Gläubiger mit dem klammen Griechenland das alles beherrschende Thema. Heute wird es ähnlich sein, und dass sich morgen grundlegend etwas ändern wird, scheint kaum noch ein Anleger zu glauben.

Entsprechend trostlos präsentieren sich in diesen Tagen die Charts. Unterstützungen werden schnell aufgegeben und die Abwärtsdynamik ist stark und ungebrochen. DAX-Aktien sind heiße Kartoffeln, die anscheinend niemand gerne in seinen Händen halten möchte.

Man kann es den Investoren nicht verdenken, denn der Gefangene einer nicht mehr zu kontrollierenden Politik zu sein, ist eine Vorstellung, die keinem Anleger wirklich behagen kann.

Die Politik selbst tut wenig, um die Lage zu entspannen. Jeder weiß, dass die Zeit drängt und eine schnelle Lösung gebraucht wird, doch bewegen will sich niemand, schon gar nicht als Erster. Dabei sind die einschlägigen Argumente seit Wochen ausgetauscht und auch durch eine permanente Wiederholung werden sie nicht richtiger.

Auf griechischer Seite bemüht man sich deshalb, die eigene Verhandlungsposition durch eine Drohkulisse zu stärken. Das ist aus mit Blick auf die Verhandlungstaktik durchaus legitim. Nur sind die an die Wand gemalten Drohungen auch realistisch?

Erst geht Griechenland, dann folgen die anderen Problemstaaten

Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras warnt, dass sich Hedgefonds und andere Marktteilnehmer einen Problemstaat nach dem anderen vorknöpfen werden, wenn der Austritt seines Landes aus der Euro-Zone einmal vollzogen sei.

Die Gefahr besteht in der Tat, denn in der Finanzwelt ist sehr oft zu beobachten, dass Firmen oder Länder mit Problemen wie Dominosteine fallen, wenn die (Finanz-)Welt einmal dazu übergegangen ist, einen genaueren Blick auf die latenten Schwierigkeiten zu werfen.

Während der Asienkrise 1997/98 stand zunächst Thailand im Blickpunkt. Am Ende kämpfte eine ganze Region mit massiven Schwierigkeiten. Wiederholt sich ein derartiges Szenario jetzt in Europa, könnte Alexis Tsipras mit seiner Warnung, erst fällt Griechenland, dann fallen Irland, Portugal und die anderen Problemstaaten der Euro-Zone, richtig liegen.

Die Gefahr geht in diesem Fall nicht so sehr vom nächsten oder übernächsten kleineren Problemfall aus, sondern von den Schwergewichten Italien, Spanien und Frankreich. Sie sind zu groß, um mal eben durch die anderen „gerettet“ zu werden.

Das Drehbuch für eine Krise, die das kleine Griechenland tausendmal in den Schatten stellt, wäre in diesem Fall so gut wie geschrieben und die Folgen überall in der Welt zu spüren.

Wie „griechisch“ sind die anderen Problemstaaten?

Für die Regierung in Athen scheint die Sache klar zu sein. Wenn Griechenland geht, werden die anderen früher oder später folgen. Das setzt voraus, dass sich die Dinge gleichen, wie ein Ei dem anderen und die Drehbücher in Europa überall mehr oder weniger dem gleichen Strickmuster folgen.

Doch das tun sie nur bedingt. Die Ausgangslage ist durchaus vergleichbar. An dieser Stelle soll der Athener Regierung gar nicht widersprochen werden. Die Ausgangslage ist in der Tat gut vergleichbar. Der Umgang mit der Ausgangslage ist es aber nicht.

Die griechische Logik setzt voraus, dass auch andere Länder so reformunwillig sind oder es schon bald werden, dass die Gespräche mit den Gläubigern platzen und auch sie zwangsläufig aus dem Euro austreten müssen.

Nur danach sieht es bislang nicht aus. Auch Irland, Spanien und Portugal kämpfen, auch die dort lebende Bevölkerung muss mit harten Einschnitten zurechtkommen. Doch anders als in Griechenland tut man hier sein Möglichstes, zerrüttete Finanzen wieder in Ordnung zu bringen.

Überraschende Wendungen im Drehbuch sind nicht ausgeschlossen

Dass dabei nicht immer alles glattgeht und es leicht zu Verzögerungen kommen kann, das wissen auch die Gläubiger. Sie sind für diese Schwierigkeiten nicht blind und sie sind auch nicht generell abgeneigt, in derartigen Notfällen mit Aufschüben und unterstützenden Zahlungen helfen zu wollen.

Nur der Notfall sollte ein echter Notfall und nicht die Regel sein. Diesen Notfall werden alle Beteiligten umso leichter anerkennen können, wenn zuvor unzweifelhaft feststand, dass sich ein Land ernsthaft um seine Gesundung bemüht hat.

Es könnte also in der Tat so sein, dass zunächst Griechenland aus der Euro-Zone ausscheidet und sich die Spekulanten dann ein anderes „Opfer“ aussuchen und dieses in die Enge zu treiben versuchen.

Doch hier endet dann möglicherweise die Parallelität der Drehbücher, denn wenn die Verhandlungen der Gläubiger mit anderen Regierungen konstruktiver und effizienter geführt werden, als das mit Athen derzeit der Fall ist, könnten die Spekulanten mit ihrem Angriff scheitern, weil eben die internationale Hilfe greift und Lösungen gefunden werden, die mit Tsipras und Co. derzeit nicht möglich sind.

In diesem Fall wäre Griechenland für alle anderen Problemstaaten der Euro-Zone ein leuchtendes Beispiel dafür, wie man es besser nicht machen sollte.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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