Stürzt der IWF den DAX in die Tiefe?

Bislang schien der anhaltende Streit zwischen Griechenland und seinen Gläubigern eine Angelegenheit mit klaren, fest umrissenen Fronten zu sein. Auf der einen Seite stand die Athener Regierung unter Alexis Tsipras auf der anderen die früher Troika genannten Gläubiger, also der Internationale Währungsfonds, die Europäische Union und die Europäische Zentralbank.

Wochenlang ging es um Forderungen und Gegenforderung. Man stritt sich um Renten, Sozialleistungen, rang um Steuer- und Mehrwertsteuererhöhungen, Schuldenschnitte, Primärüberschüsse, Schuldenquoten und die Zahl der Beamten.

Trotz allem war das Chaos für uns Außenstehende immer noch recht überschaubar, denn an der grundlegenden Frontlinie, hier die Athener Regierung, dort die Gläubiger, hatte sich nie etwas geändert.

Dieser konstante Gegensatz schien wie in Stein gemeißelt zu sein, zumindest bis zum Wochenende. Doch inzwischen schrecken neue Berichte auf. Sie deuten auf einen Konflikt innerhalb der Gläubiger.

Jetzt streiten sich auch die Griechenlandgläubiger

Der IWF auf der einen und die EU und die EZB auf der anderen Seite scheinen uneinig darüber, an welchen Stellen man der Athener Regierung entgegenkommen soll. Während die Europäer ihre Bereitschaft erkennen ließen, von Kürzungen bei den Renten abzusehen, wenn dafür im Gegenzug der Verteidigungshaushalt um 400 Millionen Euro entlastet wird, sind aus dem Umfeld des IWF Stimmen zu vernehmen, die erkennen lassen, dass der Internationale Währungsfonds nicht bereit ist, diesem Kompromiss mitzutragen.

Was das bedeutet, vor allem für die Börsen bedeutet, kann man sich leicht an den Fingern einer Hand abzählen. Jedem dürfte klar gewesen sein, dass eine Lösung nur über einen Kompromiss zu erreichen ist. Kompromisse erfordern von allen die Bereitschaft sich zu bewegen und sie sind umso schwerer zu erreichen, je mehr Akteure in den Kompromiss eingebunden werden müssen.

Wenn jetzt sogar die Gläubiger untereinander nicht mehr einig sind, dann heißt das nicht notwendigerweise, dass ein Kompromiss völlig außer Reichweite ist. Es wird nur schwieriger ihn zu erreichen, denn für die interne Abstimmung der Konfliktparteien muss zwangsläufig mehr Zeit einkalkuliert werden.

Zeit ist in diesem Spiel aber eine Größe, die im immer geringerem Umfang zur Verfügung steht. Man könnte es auch so formulieren: Wenn alle eines nicht mehr haben, dann ist das Zeit.

Für Athen kommt das Ende des Geldes schneller als das Ende des Monats, für die Gläubiger stellt sich damit auch schon in Kürze die Frage, ob sie die den Griechen geliehenen Gelder endgültig abschreiben müssen und die Anleger an der Börse haben auch nicht viel Zeit, denn sie warten schon lange ungeduldig auf eine Lösung des Problems.

Wer den zusätzlichen Stress nicht will, nimmt sich eine Auszeit

Die neue Handelswoche droht also wie die vergangene ganz im Zeichen der Grexit-Problematik zu stehen. Damit ist sie prinzipiell unberechenbar und jede Prognose, auch wenn sie noch so sorgsam ausgearbeitet wurde, läuft Gefahr, im nächsten Moment von einer unerwarteten politischen Nachricht über den Haufen geworfen zu werden.

Dass die Börsen diese Art von Unsicherheit überhaupt nicht lieben, ist uns allen nicht neu. Mit einem recht volatilen und vielfach unberechenbaren Handelsverlauf ist somit zu rechnen. Erschwerend kommt hinzu, dass am kommenden Freitag der große Verfallstag ansteht, an dem die Optionen abgerechnet werden.

Es bleibt also weiterhin unruhig. So unruhig, dass man sich ruhig die Frage stellen kann, ob ein vorgezogener Sommerurlaub zumindest an den Börsen nicht doch die bessere Alternative ist.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

Leave a comment: