Wolfgang Schäuble, der DAX und die unterschiedlichen Formen der Pleite

Sie verhandeln, aber nur kurz, sie kommen sich näher, aber nicht genug, um den Karren endgültig aus dem Dreck zu ziehen. Das leidige Thema Griechenland beherrschte wie nicht anders zu erwarten den Beginn der neuen Handelswoche.

Das Ringen um die eine Lösung geht auf die Schlussgerade und so ist es alles andere als verwunderlich, dass noch einmal mit allen Finessen um die eigene Position geworben wird.

Harsche Kritik muss dabei auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble einstecken. Ihm wird vorgeworfen, vor 25 Jahren bei der deutschen Wiedervereinigung anders gehandelt zu haben als jetzt.

Auch damals ging es um den Umgang mit einem Pleitekandidaten. Auch damals ging es um Milliarden. Aber anders als heute gab Wolfgang Schäuble der bankrotten DDR, was er dem chronisch klammen Griechen verweigert: die benötigten Milliarden.

Was Griechenland von der DDR unterscheidet

Der Hinweis auf das höchst unterschiedliche Handeln Wolfgang Schäubles ist durchaus berechtigt. Im einen Fall wurden die benötigten Gelder tatsächlich bewilligt, im anderen scheint sie der deutsche Finanzminister zu verweigern wollen und das aus durchaus nachvollziehbaren Gründen.

Vergleichbar an beiden Situationen ist die massive Verschuldung und extrem schlechte wirtschaftliche Lage der betroffenen Staaten. Erich Honeckers DDR war am Ende und Alexis Tsipras Griechenland ist es faktisch auch.

Man macht es sich ein wenig zu leicht, wenn man Wolfgang Schäuble im einen Fall eine große Nachsichtigkeit und im anderen eine übergroße Härte bescheinigt. Der wesentliche Unterschied zwischen beiden Fällen liegt in der Zukunft.

Wirklich heiraten oder nur zusammenleben wollen?

Als 1990/1991 die DDR abgewickelt und von der alten Bundesrepublik finanziell aufgefangen wurde, entstand anschließend ein einheitliches Staatsgebilde. Viel musste angepasst werden, aber am Ende dieses Anpassungsprozesses galten in Ost und West die gleichen Gesetze und Steuersätze.

Ob es eine Vernunftehe oder doch eine Liebesheirat war, darüber kann man auch jetzt noch trefflich streiten. Doch in jedem Fall haben Ost- und Westdeutschland ihre Finanzen zusammengelegt und anschließend richtig geheiratet. Man hat sich nicht nur damit begnügt, ein bisschen „Zusammenleben“ zu versuchen.

Das ist im heutigen Europa immer noch anders. Die Geldpolitik hat man zwar zusammengelegt, aber jenseits des gemeinsamen Portemonnaies besteht man auch weiterhin auf getrennte Haushaltsführung und eigenen Wohnungen.

Den Euro holen seine Geburtsfehler ein

Nach 15 Jahren Euro dämmert inzwischen auch den überzeugtesten Befürwortern der europäischen Gemeinschaftswährung, dass eine gemeinsame Währung ohne eine einheitliche Steuer- und Finanzpolitik nur im permanenten Chaos enden kann.

Wer den Euro in dieser Situation als gescheiterte Gemeinschaftswährung aufgibt, verrät nicht notwendigerweise auch die europäischen Ideale, sondern macht nur deutlich, dass es so wie bisher nicht funktioniert und deshalb auch möglichst nicht weitergehen sollte.

Wer auf dem Holzweg ist oder auf dem Meer vom Kurs abgekommen ist, muss umkehren. Ein trotziges „Weiter so“ ist keine Alternative. Wird umgekehrt, eröffnet sich zugleich die Möglichkeit, an die Stelle des gescheiterten Experiments eine neue Idee zu setzen, die aus den Fehlern der Vergangenheit lernt und trotzdem der europäischen Idee verpflichtet ist.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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