Wann beginnen die DAX-Anleger über den Tellerrand zu schauen?

Der deutsche Aktienindex ist weiterhin zwischen Hoffen und Bangen gefangen. Nachdem in den vergangenen Tagen eher das Bangen kursbestimmend war, machte sich gestern Nachmittag ein wenig Hoffnung breit und ließ den DAX wieder ansteigen.

Ob es sich bei diesem Anstieg um mehr als ein kurzes Strohfeuer und eine kleine Gegenreaktion handeln wird, werden die nächsten Tage zeigen. Dass der deutsche Leitindex, erstmals seit Februar, zeitweilig wieder unter der Marke von 10.800 Punkten notierte, kann gewiss nicht als Zeichen der Stärke interpretiert werden.

Aktuell starren die Anleger auf das Monatsende wie das Kaninchen auf die Schlange. Es hat ein wenig den Anschein, als würde alle Welt nur noch auf den 30. Juni schauen. Danach ist Griechenland entweder endgültig pleite oder vorläufig gerettet, scheint man zu denken.

Schön wäre es in der Tat, wenn Anfang Juli diese Klarheit endlich Einzug halten würde. Die Börsen könnten befreit aufatmen und sich auf die dann gegebene Situation einstellen. Doch hier ist wohl eher der Wunsch Vater des Gedankens.

Auch die griechische Welt ist kein klares Schwarz oder Weiß

Viel eher ist zu erwarten, dass das zähe Ringen um Griechenland auch im zweiten Halbjahr seine Fortsetzung finden wird, denn einen Automatismus gibt es nicht, weder im einen noch im anderen Fall.

Verständigt man sich kurzfristig doch noch auf eine Lösung, sind die Probleme der Athener Regierung keineswegs gelöst. Weitere Verhandlungen mit den Gläubigern sind unvermeidlich und sie dürften, wenn man die Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit zugrunde legt, alles andere als leicht werden.

Auch wenn man sich nicht mehr einigen sollte, heißt das nicht notgedrungen, dass Griechenland pleite ist und sofort aus dem Euro ausscheiden muss. Im Augenblick wird das Land mit Notkrediten der griechischen Zentralbank über Wasser gehalten.

Eine derartige Staatsfinanzierung auf Pump ist nach den Maastrichter Verträgen zwar eigentlich nicht zulässig, aber sowohl die EZB als auch die Europäische Union lassen im Augenblick Gnade vor Recht ergehen und schauen wohlwollend zu, wie ein weiteres wichtiges Element aus den Maastrichter Verträgen herausgebrochen und leichtfertig aufgegeben wird.

Endet das große Zittern erst im Juli?

Sollte Griechenland seine fälligen Raten im Juni nicht bezahlen können, weil keine Einigung mit den Gläubigern erzielt werden kann, ist das Land zwar faktisch pleite, aber geschehen wird zunächst einmal vermutlich noch nichts, denn im Juni sind hauptsächlich Zahlungen an den Internationalen Währungsfonds zu leisten.

Der IWF wird vermutlich abwarten und die weitere Entwicklung beobachten. Direkte Möglichkeiten die Griechen in der einen oder anderen Form zu zwingen, hat er nicht. Über diese Möglichkeiten verfügt allerdings die EZB. Die am 20. Juli fällig werdende Rate von 3,5 Milliarden Euro wird Mario Draghi deshalb zu einer raschen Reaktion zwingen, denn schon im August steht eine weitere Rate in Höhe von 3,2 Milliarden Euro an.

Dass in der Frankfurter EZB-Zentrale Entscheidungen an der Politik vorbei gefällt werden, ist ebenso unwahrscheinlich, wie die Erwartung, die Europäische Zentralbank werde unverzüglich reagieren, wenn die fälligen Gelder nicht gezahlt werden.

Ein vorsichtiges Taktieren, eine Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche ist deshalb auch im Hochsommer nicht unwahrscheinlich. Für die Märkte bedeutet dies anhaltende Unsicherheit in einer relativ umsatzschwachen Zeit.

Die Bühne für fortgesetzte scharfe Ausschläge in die eine oder andere Richtung ist damit bereitet, egal welche Entwicklung die griechische Tragödie in den verbleibenden Junitagen noch nehmen sollte.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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