DAX: Sommerrallye oder Beerdigung?

Kalendarisch ist der Sommer da. Über die Temperaturen sollten aus Gründen der politischen Korrektheit aber vorsorglich geschwiegen werden. Bleibt die Frage, ob sich die Sommerlaune an der Börse in steigenden Kursen niederschlagen und den DAX wieder in höhere Kursregionen steigen lassen wird.

Die Möglichkeit dazu ist gegeben, denn der deutsche Leitindex hat seine 200 Tage-Linie erreicht und das Niveau bislang erfolgreich verteidigt. Vor dem Verfallstag gab es zudem einen Anstieg, der durchaus erfreulich zu nennen ist.

Allerdings konnte das hohe Niveau am Freitag nicht gehalten werden. Nachdem die Optionen verfallen und der DAX über 11.200 Punkten abgerechnet waren, fielen die Kurse am Nachmittag deutlich zurück.

Welche Botschaft sendet der Kursverlauf vom Freitag?

So darf wieder fröhlich gerätselt werden, welche Gründe für den nachmittäglichen Schwächeanfall des DAX verantwortlich waren. Hier eine kleine Auswahl:

Der DAX musste am Vormittag über 11.200 Punkte ansteigen, damit eine dort liegende große Verkaufsposition nicht ins Plus lief. So gesehen war der deutsche Leitindex nicht am Nachmittag besonders schwach, sondern eher am Vormittag auffällig stark.

Man könnte auch den Verfallstag ausblenden und auf die Griechenlandkrise verweisen. Vor dem Wochenende und vor allem vor der für heute angesetzten Krisensitzung in Brüssel wollten sich die Anleger nicht übermäßig ins Risiko begeben und es geschah das, was immer passiert, wenn alle in die gleiche Richtung stürmen: Boot, Stimmung und Kurse kippten weg.

Für welche Begründung Sie sich entscheiden, ist eigentlich egal, denn der Freitag ist längst Geschichte und die heute viel mehr interessierende Frage ist doch die, wie es nun weitergeht.

Das wissen vielleicht die Götter, alle anderen sind darauf angewiesen zu raten und nach jedem noch so keinen Hinweis zu suchen. Auf die Politik wird in diesen kritischen Tagen wohl jeder achten.

Die Anleger warten auf den Befreiungsschlag

Hinhören auf das, was in Brüssel gesagt werden wird, mag eigentlich niemand mehr. Tun werden wir es wohl doch müssen, denn allein von den Nachrichten getriebene Ausschläge in die eine oder andere Richtung – oder auch beide Richtungen – sind weiterhin zu erwarten.

Die Nerven der Anleger sind derzeit in Bezug auf den Streit Griechenlands mit seinen Gläubigern so angespannt, dass ich mir gut vorstellen kann, dass es zu einer starken Erleichterungsrallye kommen wird, egal ob und wie man sich in Brüssel einigen wird.

Es wird dann nicht das Ergebnis selbst mit steigenden Kursen gefeiert, sondern die Befreiung der eigenen Schultern von einer übergroßen psychologischen Last. Wer nach einem historischen Beispiel sucht, dem sei der 10. Mai 1940 anempfohlen.

In den frühen Morgenstunden begann der Angriff der Wehrmacht im Westen. Einige Stunden später öffnete in Paris die Börse und stieg kräftig an, weil der zermürbende „Sitzkrieg“ beendet war. Fünf Wochen später schloss die Pariser Börse, weil die deutschen Truppen kurz davor standen in die Stadt einzumarschieren.

2015 könnten wir Ähnliches erleben. Ein kräftiger Jubel der Börse in den nächsten Stunden oder Tagen ist möglich. Aber das heißt noch lange nicht, dass am Ende auch alles gut wird.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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