DAX: Trendwende oder Strohfeuer?

Wäre die Woche ein kurzer Sprint und kein langer Lauf, könnten sich die Käufer bereits über den Sieg freuen. Zum Wochenauftakt ging es aufwärts und nicht nur das. Der DAX legte einen Elan und eine Dynamik an den Tag, die man ihm nach den vielen zähen Abwärts- und Seitwärtswochen schon nicht mehr zutrauen mochte.

Beflügelt hat die Hoffnung auf eine Einigung im Schuldenstreit mit Griechenland. Die Athener Regierung hat neue Vorschläge unterbreitet, mit denen sie ein großes Stück auf die Gläubiger zugegangen ist.

Eine Bewegung dieser Art hatten sich die Marktteilnehmer schon lange gewünscht. Entsprechend groß war ihre Erleichterung. Aber wie so oft im griechischen Schuldendrama liegt die Problematik mal wieder im Detail.

Viel Hoffnung, wenig Substanz

Die Regierung von Ministerpräsident Alexis Tsipras hat sich so spät erst bewegt, dass die Dokumente den Finanzministern der Euro-Gruppe erst sehr spät zugestellt werden konnten. Es blieb gar keine Zeit, sie eingehend zu prüfen, geschweige denn auf ihrer Basis Entscheidungen zu treffen.

Zu allem Überfluss geisterten gestern Morgen auch noch zwei verschiedene Varianten durch die anderen europäischen Hauptstädte. Gestört hat das die Börsianer nicht. Damit wird einmal mehr deutlich, welches Befreiungspotential die Lösung der Griechenlandkrise für die Aktienmärkte hat.

Auf der anderen Seite ist es natürlich sehr riskant, seine Hoffnungen auf eine Lösung zu setzen, die mit besonders heißer Nadel gestrickt wurde. So schnell wie es gestern aufwärtsging kann der DAX auch wieder den Rückwärtsgang einlegen, wenn es am Ende doch anders kommen sollte, als von den meisten Anlegern erhofft.

Die Finanzminister der Euro-Gruppe gingen nach nur einer Stunde ergebnislos wieder auseinander. Ihre Reise nach Brüssel hätten sie sich sparen können. Ein Kritikpunkt, der verschiedentlich vorgebracht wurde und der unter Umständen mehr ist, als nur eine unbedeutende Notiz am Rande.

Im Grunde ist die Entscheidung nur vertagt

In der geschliffenen Sprache der Diplomaten sind derartige Unmutsbekundungen ein deutliches Zeichen für schwerwiegende inhaltliche Differenzen und eine grundlegende Verstimmung unter den Vertragsparteien.

Die Anleger waren gestern so frei, diese Nuance geflissentlich zu übersehen. Sie gaben sich lieber der Hoffnung hin, dass der Durchbruch bald geschafft sei. Hier liegt die Gefahr für den heutigen Handelstag und den verbleibenden Rest dieser Woche.

Solange noch keine Lösung des Problems gefunden wurde, ist das Thema Grexit noch nicht vom Tisch. Die Kursgewinne vom Wochenauftakt könnten deshalb schnell wieder dahinschmelzen, wenn es den europäischen Politikern nicht gelingt, einen tragfähigen Kompromiss zu finden.

Da vermutlich erst auf dem planmäßigen EU-Gipfel am Donnerstag neue Beschlüsse gefasst werden, verbleibt noch viel Zeit für Gegenwind. Mit einer erhöhten Volatilität muss deshalb auch weiterhin gerechnet werden. Die griechische Kuh spaziert weiter auf dünnem europäischen Eis.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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