DAX: Bullenparty mit fadem Beigeschmack

Es sind zwei Reaktionen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten, und doch beziehen sie sich auf die gleiche Ursprungsnachricht: Während der DAX den zweiten Tag in Folge ansehnliche Zuwächse verzeichnen kann, weil eine Einigung im griechischen Schuldendrama näher rückt, leeren die Griechen ihre Bankkonten.

Sie tun dies nicht erst seit gestern oder vorgestern, doch sie taten es in den letzten Tagen eifriger als bisher. Begonnen hat diese bedenkliche Entwicklung bereits Ende Dezember 2014. Als die Umfragen einen Wahlsieg der Linken unter Alexis Tsipras erkennen ließen, reagierten die Ersten.

Ihnen sind inzwischen viele andere gefolgt und diese Abstimmung mit den Füßen zeigt einmal mehr, wie begrenzt das Vertrauen der einfachen griechischen Bevölkerung in die wirtschaftliche Zukunft ihres Landes ist.

Neu sind diese massiven Geldabhebungen nicht. Auch die Anleger wissen um sie. Doch zu kümmern scheint es sie nicht. Hier liegt eine weitere Gefahr für den jüngsten Aufschwung an den Kapitalmärkten.

Ein Hoch auf die selektive Wahrnehmung

Selbst wenn es jetzt eine Einigung zwischen Athen und seinen Gläubigern geben sollte, heißt das noch lange nicht, dass sich die Lage anschließend schnell zum Besseren wenden wird.

Das in den vergangenen Wochen und Monaten abgezogene Geld wird fehlen. Es lagert unter der häuslichen Matratze oder auf vermeintlich sicheren Konten im europäischen Ausland und bringt seinen Besitzern weder im einen noch im anderen Fall Zinsen. Wenn überhaupt gibt es die „Sicherheit“, dass das Ersparte noch nicht sofort verloren ist.

Der griechischen Volkswirtschaft wird das Geld auf jeden Fall fehlen. Ohne die Unterstützung der Europäischen Zentralbank hätten die Banken des Landes schon längst die Tore schließen müssen.

Selbst wenn diese Schließung verhindert werden kann, werden die Banken auch weiterhin extrem vorsichtig sein müssen, denn in ihren Bilanzen stehen nach dem Abfluss der Gelder viel zu hohe Kredite.

Kurzfristig gerettet und doch langfristig tot?

Diese können sie kaum zurückfordern, ohne das Land endgültig in den wirtschaftlichen Abgrund zu stoßen. Auch dass jetzt im großen Stil neue Kredite vergeben werden, ist kurzfristig nicht zu erwarten.

Damit stellt sich die Frage, wo der Aufschwung beginnen soll, den die Griechen zur Lösung ihrer Probleme so dringend bedürfen. Bei den Banken in Form eines Kredites eher nicht. Bei den Sparern in Form eines erhöhten Konsums eher auch nicht, denn die aktuelle Devise lautet ‚Geld sichern‘ nicht ‚Geld ausgeben‘.

Es stellt sich damit einmal mehr die Frage, ob die Anleger nicht voreilig jubeln, wenn sie jetzt die Kurse steil steigen lassen, ohne dass wirklich eine Lösung für die vielen Probleme der Euro-Zone gefunden sind.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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