Haben die DAX-Bullen schon einen Kater oder kommt er erst noch?

Wenn die Party am schönsten ist, sollte man bekanntlich gehen. Wer als Anleger diesen Ratschlag in dieser Woche beherzigt und seine Long-Investments rechtzeitig glattgestellt hat, dem sind möglicherweise die unangenehmen Verluste vom Mittwochmorgen erspart geblieben.

Rund 150 Punkte kosteten den DAX die Nachrichten aus Griechenland und Brüssel, die darauf hindeuteten, dass die Freude der Börsianer über eine bevorstehende Einigung im Schuldenstreit verfrüht gewesen sein könnte.

Die Erwartung, dass man sich auf den letzten Metern schnell einigen würde, nachdem man es zuvor monatelang vergeblich versucht hatte, war ohnehin sehr ambitioniert. Erwachsen ist sie allein dem übergroßen Zeitdruck unter dem alle Beteiligten im Moment stehen.

Zeit, die man vor Wochen noch zu haben glaubte, ist mittlerweile extrem knapp. Damit wächst einerseits der Druck auf die Politiker sich endlich zu einer Lösung durchringen zu müssen. Auf der anderen Seite wächst aber auch die Gefahr für die Märkte, denn quasi über Nacht können sich die Dinge so gravierend ändern, dass jede noch so ausgefeilte Strategie sofort Makulatur wird.

Die Uhr ist längst abgelaufen

Noch ist das Kind nicht ganz in den Brunnen gefallen. Es tanzt zwar seit Wochen nahe dem Abgrund, hält sich bislang aber noch oberhalb der alles verschlingenden Tiefe. Trotzdem zeigt der schnelle Verlust von über 150 Punkten, wie dünn das Eis ist, auf dem sich die Optimisten auf dem Frankfurter Parkett derzeit bewegen.

Schon immer waren es zwei höchst unterschiedliche Aspekte, die eine Lösung des griechischen Schuldenproblems erschwert haben. Man kann sich dem Thema aus einem eher volkswirtschaftlich geprägten Blickwinkel nähern oder man kann es als eine zutiefst politische Herausforderung betrachten.

Der Volkswirt wird nur bewerten, ob eine Gesundung der griechischen Staatsfinanzen innerhalb oder außerhalb des Euro-Raums leichter gelingen wird. Aus der politischen Betrachtungsweise stellt sich zusätzlich noch die Frage, wie viel Sprengkraft in einem möglichen Austritt Athens aus dem Währungsverbund liegt und wie viele Euros man es sich kosten lassen darf, um genau dieses Szenario zu verhindern.

Die Lösung wird eine politische sein

Erschwerend kommt als dritter Aspekt nun auch noch die nicht mehr vorhandene Zeit hinzu. Ob dies die Zutaten für eine wohldurchdachte, optimale Lösung sind? Mit Blick auf die notwendigen parlamentarischen Beratungen ist Vorsicht angebracht. Wobei es augenblicklich so aussieht, als wären die höchsten parlamentarischen Hürden ausgerechnet in Athen zu überwinden.

Die neuen Vorschläge des griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras liegen seit Montag auf dem Tisch. Dem Internationalen Währungsfonds (IWF) reichen sie noch nicht, den Mitgliedern und Abgeordneten seiner eigenen Partei gehen sie viel zu weit. Der linke Flügel der Syriza-Partei bringt sich gegen die Vorschläge bereits in Position.

Verweigert er seine Zustimmung, wird die Vorlage durch ausreichend Stimmen aus dem Lager der Opposition zwar durch das Parlament kommen, aber die Regierung Tsipras ist anschließend dennoch am Ende. Baldige Neuwahlen und eine quälend lange Zeit der Ungewissheit werden die Folge sein.

Wie unter diesen Umständen die beschlossenen Reformen in Griechenland engagiert umgesetzt werden sollen, ist ebenso ein Rätsel, wie die Frage, wie die Börsen bei einem derart fortgesetzten Chaos wirklich zur Ruhe kommen sollen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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