Traden und Investieren im Zeichen der Krise

Ein Politiker tritt vor die Kameras. Er bewegt eine kurze Minute lang Zunge und Lippen und der DAX steht anschließen zweihundert Punkte höher oder tiefer. Eigentlich ein absurdes Theater. Aber die letzten Tage haben eindrucksvoll gezeigt, dass Szenarien wie dieses absolut real sind.

In der Griechenlandkrise reagieren die Börsen höchst sensibel auf alle Nachrichten und Entscheidungen aus der Politik. Die Aktienmärkte sind ebenso betroffen wie die Renten- und Devisenmärkte. Selbst Gold und Silber zacken wild im Stakkato der Interviews.

Für uns Anleger heißt das nur eines: Es gibt kein Entrinnen. Jeder ist betroffen und steht im Zweifelsfall im Regen, wenn er eine Position hält, die vom Markt überrannt zu werden droht. Damit stellt sich zwangsläufig für alle die Frage, wie man sich vor den Auswirkungen am besten schützt.

Diese Frage zu stellen setzt aber im Grunde voraus, dass es überhaupt einen Schutz gibt, den es anzustreben gilt. Selbstverständlich ist das nicht, denn die gegebene Situation ist teilweise so chaotisch und unvorhersehbar, dass man ihr als Anleger eigentlich vollkommen hilflos ausgeliefert ist.

Prinzipiell unberechenbar

Wer vermag schon in die Köpfe der verschiedenen Politiker zu schauen? Wer ist bei ihren Verhandlungen zugegen? Wer maßt sich an, auf die Minute genau vorherzusagen, wer wann was sagen wird, um selbst an der Börse seine eigenen Positionen immer rechtzeitig öffnen oder schließen zu können?

Im Grunde müssen wir zugeben, dass wir in diesem Spiel als Anleger sehr schlechte Karten haben, denn wir können, wenn überhaupt, nur reagieren, aber kaum noch aktiv agieren, denn steuern oder vorhersagen, lässt sich die Krise kaum noch. Dazu haben längst viel zu viele Beteiligte Einfluss auf ihren weiteren Verlauf.

Anzuerkennen, dass man in diesem gefährlichen Spiel eigentlich nichts zu melden hat, ist das Eine. Das bedeutet aber nicht, dass man den Kopf anschließend in den Sand stecken und fatalistisch einfach nur das Kommende abwarten soll.

Gerade weil uns die Situation nur sehr begrenzte Eingriffsmöglichkeiten lässt, sollte jeder Anleger im Vorfeld sehr genau überlegen, welchem Risiko er sich aussetzen will. Das gilt für den Trader mehr als für den Anleger, denn Letzterer kann Schwankungen leichter aussitzen, wenn sie mal etwas größer ausfallen sollten.

Abwesenheit als Schutz

Beide müssen sich aber zunächst gewissenhaft die Frage beantworten, ob sie in diesem Marktumfeld überhaupt tätig sein wollen. Diese Frage ist gar nicht so banal, wie sie im ersten Augenblick vielleicht klingen mag.

Nicht jede Strategie wird in diesen Zeiten funktionieren und wer eine Strategie verfolgt, die zwar an und für sich sehr erfolgreich ist, aber jetzt gerade nicht gut funktioniert, der tut besser daran, wochenlang „Urlaub“ zu machen und der Börse fernzubleiben, als aus reiner Gewohnheit weiterzuhandeln und dabei unter Umständen Geld oder sogar viel Geld zu verlieren.

Positionsgröße anpassen

Eine weitere Möglichkeit, auf das geänderte Umfeld zu reagieren, bietet die Größe der eigenen Position. Auch Charttechnik und ein ausgeprägtes Marktgefühl helfen kaum weiter, wenn ein einziger Politikerkommentar einen an sich schon ausgebombten Markt noch einmal eine Etage tiefer befördern kann.

Anleger, die in diesem Umfeld mit kleineren Positionen unterwegs sind, verdienen im Erfolgsfall zwar weniger. Sie verlieren aber auch deutlich weniger, wenn sich der Erfolg mal nicht einstellen sollte.

Erfolg ist im begrenzten Rahmen planbar. Lottogewinne sind es nicht und eine Aussage darüber machen zu wollen, welcher Politiker sich wann mit wem einigt, klingt schwer danach „Lottokönig“ werden zu wollen und hat wenig mit planbarem, dauerhaften Börsenerfolg zu tun.

Wenn alle Stricke reißen, muss der Stopp greifen

Am Ende ist es egal, welche Nachricht die Börsen hat steigen oder fallen lassen. Ein DAX, der in zwei Minuten um hundert Punkte steigt, nur um weitere zwei Minuten später wieder 80 Punkte tiefer zu stehen, ist kaum noch beherrschbar.

Fährt der Zug in die falsche Richtung, hilft am Ende nur noch der automatische Stopp. Er muss greifen, egal, ob sich der Trader in der Küche gerade einen frischen Kaffee holt oder ein mittel- und langfristig orientierter Anleger gerade in einer langweiligen geschäftlichen Konferenz festsitzt.

Wer meint, ohne auszukommen, setzt sich in ein Börsenauto ohne Gurt und Airbag. Das kann eine Zeit lang gut gehen. Gefährlich wird es nur, wenn man plötzlich merkt, dass man mit überhöhter Geschwindigkeit auf eine Betonwand zurast.

Die Marktteilnehmer sind so verschieden, wie die Menschen verschieden sind. Doch ich denke, wir können davon ausgehen, dass die meisten Anleger auf Erfahrungen wie diese gerne verzichten können. Wenn Sie auch zu diesen gehören, handeln Sie entsprechend.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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