Der DAX und die Stille nach dem großen Knall

Wäre die griechische Tragödie ein Buch, müsste man seinem Autor attestieren, einen extrem spannenden und mitreißenden Roman geschrieben zu haben. Eine Vielzahl einander widersprechender Interessen verbindet sich zu einem nahezu unlösbaren Konflikt.

Hinzu kommt eine Reihe überraschender Wendungen, die kaum jemand auf seinem Schirm hatte, bis sie plötzlich in die Handlung einfließen und das ohnehin extrem aufreibende Geschehen noch einmal völlig durcheinanderwirbeln.

All das sind die klassischen Zutaten zu einem mitreißenden Thriller, ein Buch, das man von der ersten bis zur letzten Seite geradezu verschlingt und das den Leser zum Gefangenen seiner zum Glück nur fiktiven Handlung macht.

Eine Krise, viele Gefangene

Doch das griechische Schuldendrama ist viel zu real und leider auch zu schwerwiegend, um leichtfertig zu einem Quell der Lesefreude reduziert zu werden. Hinter dem Drama steht zumindest ein Volk, wenn nicht sogar ein ganzer Kontinent, dessen Zukunft mal einfach so zur Disposition gestellt wird.

Noch vermag niemand von uns abzuschätzen, was die dramatische Entwicklung des vergangenen Wochenendes zu bedeuten hat. Die Folgen sind weder für die Griechen selbst noch für die übrigen Europäer überschaubar.

Und nun?

Wie geht es nun weiter? Im Moment sind wir noch in der Phase des Schocks und der gegenseitigen Schuldzuweisungen. Auch für die Börsen ist zu erwarten, dass ihre erste Reaktion nicht unbedingt die richtige sein muss. Egal, ob die Anleger jubeln oder in Panik verkaufen: Was die Ereignisse vom Wochenende für Europa bedeuten, lässt sich vielleicht am Ende des Jahres abschätzen. Jetzt ist es dazu vermutlich noch viel zu früh.

Die nächsten Tage und Wochen dürften weiterhin chaotisch verlaufen, denn es ist eine Situation eingetreten, mit der nur die Wenigsten gerechnet hatten und auf die kaum einer wirklich vorbereitet war.

In der Krise liegt aber auch immer eine Chance

Hinter den vielen kurzfristigen Fragezeichen wartet aber auch eine Chance. Es ist die Chance aus den Fehlern zu lernen und die Dinge in Zukunft besser zu machen. Dabei ist es egal, ob es sich bei den Fehlern um eigene oder fremde Fehler handelt. Lernen sollten wir Menschen nach Möglichkeit aus beiden.

Die letzten Jahre und Monate haben gezeigt, wie es nicht geht. Nun ist es an der Zeit, sich von unrealistischen Träumen zu verabschieden. Kein Ehepaar legt die eigenen Finanzen zusammen und diskutiert danach ausgiebig, ob man auch heiraten soll und wenn ja wann und wie der Bund fürs Leben ausgestaltet sein könnte.

Der normale Weg ist immer der entgegengesetzte: Erst wird geheiratet und dann werden die Finanzen zusammengelegt.

Das Grundübel des Euros war, dass die Europäer den anderen Weg gegangen sind und ihr Geld zu einer Gemeinschaftswährung zusammengelegt zu haben, ohne zuvor eine gemeinsame strukturelle Basis geschaffen zu haben.

Rückbau für den Neuaufbau

Dieses Defizit belastete den Euro seit seiner Einführung und es wird ihn – mit oder ohne griechischer Beteiligung – auch weiterhin belasten, falls man diesem Problem nicht schnell zu Leibe rückt.

Hier liegt für den weiteren Weg des Euros die Chance wie die Gefahr. Wenn man sich jetzt nur auf die Erfordernisse des akuten Krisenmanagements konzentriert und das fehlende Fundament des Euros nicht beachtet, ist die nächste größere Krise nur eine Frage der Zeit.

Gelingt es aber, die in den späten 1990er Jahren nicht gemachten Hausaufgaben nachzuholen, hat das Projekt ‚Europäische Gemeinschaftswährung‘ durchaus noch eine Chance.

Der Euro der Zukunft ist dann mit Sicherheit nicht mehr der Euro, den wir kennen und das ist auch gut so, denn auf seine Fehler und Schwächen können wir alle gerne verzichten.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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