Der DAX und die Athener Kapriolen: Eine Mischung aus Verzweiflung und ungläubigem Staunen

Wie nicht anders zu erwarten waren Griechenland, das Scheitern der Verhandlungen mit den Gläubigern und ein möglicher Grexit die beherrschenden Themen zum Auftakt der neuen Handelswoche.

Nach der Aufregung vom Wochenende waren auch die hohen Kursverluste, mit denen sowohl der DAX als auch der Euro gegenüber dem US Dollar in die neue Handelswoche starteten, zu erwarten gewesen.

Tagelang hatten die Anleger auf eine Einigung gehofft, am Ende sogar deutlich auf sie spekuliert. Dieser Traum ist nun geplatzt und eine geplatzte Seifenblase ist nur schwer wieder in Form zu bringen. Entsprechend harsch war am Montagmorgen die Reaktion der Märkte. Eine handfeste Panik gab es zum Glück jedoch nicht.

Besteht noch Hoffnung? Noch scheint keiner das Ende der griechischen Mitgliedschaft im Euro so richtig glauben zu können. Alle wissen zwar, dass man geradewegs direkt auf es zuläuft, aber noch immer schwingt in den Aussagen der beteiligten Politiker eine Note mit, die den Eindruck erweckt, als würden sie in letzter Konsequenz selbst noch nicht an das Ende der Euro-Zone in ihrer bisherigen Form glauben.

Pleite oder nur eigentlich pleite?

Die fällige Rate, die Griechenland heute an den Internationalen Währungsfonds zahlen müsste, wird dort vermutlich nicht eingehen. Trotzdem heißt das nicht, dass der IWF das Land sogleich als zahlungsunfähig klassifizieren wird.

Es gibt an dieser Stelle einen Ermessensspielraum für den IWF und seine Chefin Christine Lagarde. Für die Anleger könnte es sich anbieten, an dieser Stelle auf die Feinheiten zu achten.

Handelt der Internationale Währungsfonds sehr schnell und erklärt Athen umgehend für bankrott, dürfte auch das Verhältnis zu Alexis Tsipras und seiner Regierung so stark zerrüttet sein, dass an eine gemeinsame Zukunft in dieser Konstellation nicht mehr zu denken ist.

Die Tür ist noch einen Spaltbreit offen

Am Montag hat Christine Lagarde bereits angedeutet, dass der IWF noch immer bereit sei, mit den Griechen zusammen eine Lösung zu finden. Aus diesem Grund ist eine schnelle Erklärung der Zahlungsunfähigkeit nicht zu erwarten.

Wahrscheinlicher ist, dass der IWF zunächst abwartet und schaut, wie sich die EU und die Europäische Zentralbank dem Problem stellen und welche Signale gleichzeitig aus Griechenland kommen.

Ewig abwarten wird man nicht können, doch bis zum nächsten Wochenende sollte man eigentlich Zeit haben. Am nächsten Sonntag ist klar, ob es überhaupt zu dem von der griechischen Regierung angedachten Referendum gekommen ist und wie es ggf. ausgefallen ist.

Zeichnet sich innerhalb der Bevölkerung eine Zustimmung auch zu den Sparplänen der Gläubiger ab, könnte schnell wieder Hoffnung auf eine ‚Fünf-nach-Zwölf-Lösung‘ aufkommen.

Beflügelnde Hoffnung, bedrückende Fakten?

Von ihr werden sich sicher auch die Anleger schnell anstecken lassen. Steigende Aktienkurse bis zum Wochenende wären dann die Folge. Sie hätten natürlich keinen Bestand, wenn sich das Volk am Wahltag gegen die Sparmaßnahmen aussprechen sollte.

Auch wenn das Referendum nicht abgehalten werden sollte, dürfte die Reaktion der Märkte eher eine negative sein, es sei denn, die Athener Regierung unterwirft sich doch noch vollständig den Forderungen der Gläubiger.

Prinzipiell möglich ist ein solcher Schritt. Er ist sogar einer Regierung unter Alexis Tsipras durchaus zuzutrauen. Allerdings dürfte sein politisches Schicksal damit besiegelt sein, denn seine Parteifreunde werden ihm die Gefolgschaft verweigern und die Wähler sich enttäuscht von ihm abwenden.

Bislang hat sich die Führung der Syriza-Partei als ausgesprochen prinzipientreu präsentiert. Unterstellt man ihr ein analoges Verhalten auch für die nächsten Tage, so ist mit einem grundlegenden Wandel der Athener Position eher nicht zu rechnen.

Für den DAX und die übrigen europäischen Aktienmärkte bedeutet dies, dass die Phase der Unsicherheit noch lange nicht vorbei ist. Das letzte Wochenende brachte nur eine Verschärfung, aber keine endgültige Lösung des Problems.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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