Der DAX und die auffällige Ruhe in der chinesischen Provinz

Manchmal ist es aufschlussreicher auf das zu achten, was nicht passiert, als nur auf das zu schauen, über das alle immerzu reden. Die europäische Politik und Medienwelt schaut in diesen kritischen Tagen einseitig auf die Entwicklung in Griechenland. So, als sei Athen über Nacht zum Nabel der Welt geworden.

Diese Einseitigkeit ist einerseits verständlich. Auf der anderen Seite verstellt sie auch den Blick auf viel wichtigere Entwicklungen in anderen Teilen der Welt. Dazu möchte ich Ihre Aufmerksamkeit heute auf Changsha richten.

Changsha? Nie gehört wird jetzt der Eine oder Andere sagen und auch nur die wenigsten Chinareisenden werden die Stadt schon einmal selbst besucht haben. Dabei ist Changsha immerhin 7,04 Millionen Einwohner klein und damit größer als Berlin, Hamburg und München zusammen.

Außerdem genießt Changsha als Geburtsstadt Mao Zedongs im heutigen politischen China einen gewissen Stellenwert. Sie waren trotzdem noch nicht da und kennen die Stadt ansonsten auch nicht? Macht nichts. Changsha war lange auf dem Weg sich aus dem chinesischen Hinterland auch in Ihr und mein Bewusstsein vorzuarbeiten.

Wenn hoch nicht hoch genug ist

In den vergangenen Jahren wurden 800 Hochhäuser errichtet. 200 weitere sind in Bau. Außerdem beherbergt die Stadt das größte chinesische Restaurant. Auch das wird Sie nicht sonderlich interessieren, wenn Sie die italienische, spanische oder griechische Küche der chinesischen vorziehen sollten.

Aber auch Sie werden anerkennen müssen, dass es nahe liegt, sich nicht nur einmal mit dem Prädikat „das größte“ zu schmücken, wenn die Möglichkeit dazu besteht. Vor allem dann, wenn man im Ringen um mehr Aufmerksamkeit und Beachtung beständig gegen die größeren und bekannteren Metropolen Shanghai, Wuhan, Shenzhen oder Guangzhou ankämpfen muss. Von der Hauptstadt Beijing mal ganz zu schweigen.

Was liegt da näher, als mal eben das größte Gebäude der Welt errichten zu wollen? Das steht momentan noch in Dubai und ist 828 Meter hoch. In Changsha will man mit einem ‚Sky City‘ genannten Hochhaus zehn Meter höher hinaus. Das ist nicht viel, aber genug, um die arabischen Scheichs zu ärgern und den Titel höchstes Gebäude der Welt für sich beanspruchen zu können.

Außerdem muss in China alles schnell gehen, zumindest schneller als anderswo. Die ursprüngliche Planung sah vor, das Gebäude mit seinen 220 Stockwerken und einer Million Quadratmeter Nutzfläche durch eine spezielle Arbeitsweise innerhalb von nur 90 Tagen zu errichten. Inzwischen will man sich etwas mehr Zeit lassen und das Gebäude nur noch innerhalb von 210 Tagen hochziehen.

So weit die hochfliegenden Pläne. Nun zur traurigen Realität: Ob es jemals dazu kommen wird, bleibt abzuwarten, denn Papier – auch Planungspapier – ist bekanntlich geduldig. Ursprünglich wollte man im Mai 2013 fertig sein. Dann wurde der geplante Baubeginn auf den August 2013 festgelegt und später auf den Dezember 2014 verschoben.

Oase der Ruhe mit Fischteich

Inzwischen ist immer noch nicht viel passiert und wie chinesische Medien berichten, herrscht auf der Baustelle eine beinahe gespenstisch anmutende Ruhe. Zwei Jahre nach Grundsteinlegung türmt sich nicht etwa ein halb fertiger Rohbau gen Himmel. Im Gegenteil: Zu sehen ist nicht viel. Dafür gibt es auf der Baustelle selbst einen Teich mit Fischen.

Wenn man bedenkt, wie intensiv in den chinesischen Städten in den letzten fünf Jahren gebaut wurde, dann ist das unfreiwillige Anglerparadies im Herzen Changshas mehr als bemerkenswert.

In der Vergangenheit wurden hohe Gebäude oftmals in Zeiten des Booms geplant und in Krisenzeiten vollendet. Das Empire State Building in New York wurde während der Weltwirtschaftskrise 1932 eingeweiht und stand danach lange leer.

Als in den 1990er Jahren in Kuala Lumpur die Petronas Doppeltürme geplant wurden, war die Welt noch in Ordnung. Die Einweihung war jedoch bereits von der Asienkrise überschattet. Auch der Burj Khalifa, das aktuell höchste Gebäude der Welt, wurde vor der Finanzkrise geplant und während derselben nur noch mit Mühe fertiggestellt.

Changsha erspart sich möglicherweise gerade diese Peinlichkeit und weit entfernt davon, mit Spott und Häme auf ein nicht realisiertes Großprojekt zu verweisen, sollten wir als Investoren lieber darüber nachdenken, was es für uns und die exportlastige deutsche Wirtschaft bedeuten könnte, wenn im einstigen Wunderland China die Gebäude nicht mehr in den Himmel wachsen und für hochfliegende Pläne kein Geld mehr vorhanden ist.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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