Die Gefahr für die chinesischen Aktienmärkte ist noch nicht gebannt

Zwischen dem 8. und dem 15. Juli 2015 hatten chinesische Investoren Grund, wieder etwas entspannter auf die Kursentwicklung ihrer heimischen Aktienindizes zu schauen. An den Börsen in Shanghai und Shenzhen zogen die Kurse wieder an, nachdem die Regierung in den Markt eingegriffen hatte und um eine Stabilisierung der Kurse bemüht war.

In dieser Woche fielen die Kurse wieder zurück, und wenn sich das Blatt nicht bald wieder wendet, könnte der Kursaufschwung der Vorwoche nichts anderes als eine normale technische Gegenreaktion innerhalb einer laufenden Abwärtsbewegung gewesen sein.

Den chinesischen Festlandsbörsen stünden in diesem Fall noch einige Stürme ins Haus, denn die Erholung war, gemessen an den vorangegangenen Kursverlusten nicht sehr stark. Nur etwa ein Viertel der hohen Verluste konnte bis zur Monatsmitte wieder ausgeglichen werden.

Geht man ferner davon aus, dass sich eine normale ABC-Korrektur entwickelt, bei der die beiden Abwärtsbewegungen der A- und C-Welle etwa gleich lang ausfallen, stehen noch einmal mehr als 1.000 Abwärtspunkte auf dem Programm. Eine Vorstellung, die sicher nicht nur der chinesischen Regierung missfallen wird.

Gute Wirtschaftsdaten werden verkauft

Wie aus Shanghaier Börsenkreisen derzeit zu hören ist, ist die Stimmung weiterhin schlecht. Viele Investoren vermutet man, haben die guten Kurse der vergangenen Tage zu Verkäufen genutzt.

Das ist natürlich nur ein Teil der Wahrheit, denn auch an Chinas Börsen muss auf einen Verkäufer immer ein Käufer kommen, der in der exakt gleichen Sekunde zum exakt gleichen Preis kauft, weil andernfalls gar kein Handel zustande kommt.

Trotzdem ist die Stimmung eher gedrückt und das, obwohl das Wirtschaftswachstum mit einem Plus von sieben Prozent in der ersten Jahreshälfte noch recht ordentlich ausgefallen ist. Chinas Wirtschaftsleistung stieg im ersten Halbjahr auf 29,7 Billionen Yuan.

Von den extrem hohen Wachstumszahlen früherer Jahre trennen das Reich der Mitte inzwischen Welten. Aber das muss auch so sein, denn durch den statistischen Basiseffekt wird es immer schwieriger, hohe Wachstumszahlen vorzuweisen und umgerechnet in produzierte Güter und Dienstleistungen bedeutet ein Wachstum von „nur“ sieben Prozent heute wesentlich mehr als ein Wachstum von zwölf oder dreizehn Prozent kurz vor oder nach der Jahrtausendwende.

Investoren sind verwöhnte Kinder

Die industrielle Wertschöpfung ist im Vergleich zum Vorjahr um 6,3 Prozent gestiegen. Sie stieg damit 0,1 Prozentpunkte langsamer als im Frühjahr. Noch immer benötigt das Land mehr Rohstoffe, um diese zusätzliche Wirtschaftsleistung herzustellen, doch das rasante Tempo, mit dem China in der letzten Dekade Öl und Basismetalle importiert hat, nimmt immer weiter ab.

Das Pro-Kopf-Einkommen der chinesischen Bevölkerung ist in der ersten Hälfte des Jahres um neun Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gestiegen. Es beläuft sich derzeit auf 10.931 Yuan. Bereinigt um die Einflüsse der Preisfaktoren beträgt der Einkommenszuwachs 7,6 Prozent.

So schön dieser Zuwachs für die chinesischen Arbeitnehmer ist, für das Land als Ganzes bedeutet er eine Gefahr, denn im internationalen Vergleich wird Arbeit in China zunehmend teuer, möglicherweise sogar zu teuer.

Hier liegt eine nicht zu unterschätzende Gefahr, denn billige Lohnarbeit, die an einfachen Maschinen geleistet wird, kann mit vergleichsweise wenig Aufwand ins Ausland verlagert werden. Textilien, die früher in China gefertigt werden, werden dann zukünftig in Bangladesch, Kambodscha, Vietnam, Indonesien oder den Philippinen zusammengenäht.

Sollte sich dieser verstörende Gedanke erst einmal in den Köpfen der Anleger breitmachen, ist nicht nur in Shanghai mit weiter fallenden Kursen zu rechnen. Auch unser heimischer DAX dürfte sich sehr schnell einer handfesten Lungenentzündung „erfreuen“ und entsprechend reagieren.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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