DAX: Schöne heile Welt – oder alles klar auf der Titanic?

Aus Anlegersicht sind die Dinge klar: Griechenland ist zum dritten Mal gerettet oder steht zumindest davor gerettet zu werden. Die Kurse steigen wieder und sie haben allen Grund, es auch weiterhin zu tun.

Zwar fielen die Notierungen am Freitag wieder leicht zurück, aber Gewinnmitnahmen zum Wochenende und Korrekturen auch in Aufwärtsphasen sind nun wirklich nichts Ungewöhnliches. Nach drei zähen Monaten könnte die im Frühjahr begonnene Korrektur nun endlich Geschichte sein. Anlegerherz, was willst du mehr?

So verständlich die Freude der leidgeprüften Anleger ist, so kritisch sollte man ihr aber auch begegnen, denn wenn sie nicht berechtigt ist, könnte es schon bald ein böses Erwachen geben.

Auf den ersten Blick sieht es ein wenig so aus, als würden sich die Ereignisse der Vorjahre wiederholen. Geld gibt es nur gegen Reformen, und wenn diese erst einmal greifen, geht es nicht nur mit der griechischen Wirtschaft, sondern auch mit Europa als Ganzem wieder aufwärts.

Wieder wie beim letzten Mal?

Zu erwarten, dass sich die Ereignisse der vergangenen Jahre irgendwie wiederholen, ist durchaus naheliegend. Allerdings dürfen wir nicht vergessen, dass niemand ursprünglich die Absicht hatte, Griechenland zwei- oder gar dreimal zu retten. Ähnlich wie auch jetzt niemand die Lust verspürt in einigen Jahren ein viertes Rettungspaket zu schnüren.

Geklappt hat es allerdings nie. Das Land verschliss eine Regierung nach der anderen, widersetzte sich hartnäckig den notwendigen Strukturreformen und erwies sich im Grunde als Fass ohne Boden.

Dass es jetzt anders kommen soll, glauben vielleicht die notorischen Optimisten. In Athen selbst ist niemand dieser Ansicht. Im Gegenteil: Nicht einmal der griechische Ministerpräsident glaubt an die Gesetze, die er gerade mit Hochdruck über die parlamentarischen Hürden bringt.

Alexis Tsipras ist auf dem Höhepunkt seiner Macht. Die aktuellen Umfragen signalisieren ein hohes Maß an Zustimmung auch zu wenig populären Reformen. So weit, so gut. Die entscheidende Frage ist nur, wie lange diese Zustimmung anhält.

Das Fundament bröckelt bereits

Wären am nächsten Wochenende Wahlen, könnte Tsipras Syriza möglicherweise die absolute Mehrheit Mandate im Athener Parlament erringen. Diese Aussicht ist für jeden demokratisch gewählten Regierungschef ein Traum.

Der Traum könnte sich aber leicht zum Albtraum entwickeln, denn Syriza ist nicht mehr jener in sich geschlossene Block, der er war, als Alexis Tsipras im Januar die griechischen Parlamentswahlen gewonnen hat.

Die Abstimmungen der letzten Woche haben deutlich gezeigt: Innerhalb der führenden Regierungspartei gibt es Risse. Risse, die groß genug sind, um am Ende zu Brüchen zu führen.

Gianis Varoufakis, der frühere Finanzminister, hat in britischen Medien bereits mehrfach zu Protokoll gegeben, dass er die Reformen schon für gescheitert hält, noch bevor sie überhaupt in Gänze beschlossen wurden. Er ist nicht der einzige Kritiker, wohl aber einer der prominentesten.

Liegt er mit seiner Einschätzung richtig, kommt die Freude der DAX-Anleger zu früh und selbst, wenn er nicht recht haben sollte: Alexis Tsipras muss in den kommenden Tagen und Wochen mächtig aufräumen, als Ministerpräsident in seinem Land und als Vorsitzender innerhalb seiner eigenen Partei.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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