DAX: Aufwärts ohne Rast und Ruh

Hand aufs Herz: Wissen Sie noch, was sie am 7. Juli 2015 getan haben? Als Anleger haben Sie sich wahrscheinlich um Griechenland gesorgt, denn das von der Athener Regierung kurzfristig angesetzte Referendum war gelaufen und die Ablehnung der Forderungen mehr als eindeutig.

Zwei Tage lang wussten die Anleger nicht so recht, was sie tun sollten. Der DAX trat mehr oder weniger unentschlossen auf der Stelle. Dann siegte die Freude über neue ALG-Programme (Anderer-Leute-Geld-Programme) über die bestehenden Sorgen und ließ den deutschen Leitindex wieder ansteigen.

Der Anstieg war so steil und er verlief so schnell, dass wir inzwischen tausend Punkte höher stehen. Das ist immerhin eine Hausnummer, egal ob ein Anstieg in dieser Größe gerechtfertigt ist oder nicht.

Wer in den Tagen nach dem griechischen Referendum mutig Aktien gekauft hat, sitzt heute auf ansehnlichen Gewinnen. Wer gezögert hat, blickt in die Röhre und fragt sich nun, ob es jetzt noch Sinn macht, auf die laufende Bewegung aufzuspringen.

Ein Mix aus Erleichterung und Hoffnung

Die Gefahr, zu spät zu kommen und auf dem Hoch oder zumindest viel zu nah am Hoch zu kaufen, wird von Tag zu Tag größer. Erschwert wird die Lage dadurch, dass die Käufer derzeit keine Gefangenen machen.

Es gibt kaum Verschnaufpausen. Korrekturen im Aufwärtstrend sucht man vergeblich und ein rastlos vorwärtsstürmender DAX lässt die Masse der Anleger ziemlich ratlos zurück.

An der Börse ist verlorenes Geld bekanntlich nicht weg. Es hat nur jemand anderes. Ein ähnliches Spiel spielen derzeit Griechenland und seine internationalen Gläubiger. Einige bekommen in diesen Tagen ihr Geld zurück, weil andere neues zur Verfügung stellen.

Brückenfinanzierung nennt man das, wenn das von den neuen Gläubigern erhaltene Geld sofort an die alten weitergereicht wird, um bestehende Kredite fristgerecht abzulösen.

Nun, der Internationale Währungsfonds hat sein Geld zwar nicht ganz fristgerecht erhalten. Aber wollen wir mal nicht päpstlicher sein als der Papst. Geld ist Geld und lieber sein Geld verspätet zurückbekommen als gar nicht.

Wie belastbar ist diese Rallye?

Bislang hat sich Griechenland mit seinen Gläubigern noch gar nicht abschließend auf ein Sanierungskonzept geeinigt. Man ist nur übereingekommen, eine Vereinbarung erreichen zu wollen. Es ist allein die pure Absicht, die an den Börsen derzeit gefeiert wird und von der Einigung selbst ist in den Kursen schon viel vorweggenommen.

Man kennt dieses Verhalten nur zu gut. Die Anleger spekulieren auf ein bestimmtes Ereignis und positionieren sich entsprechend, und wenn dieses Ereignis eintritt, wird umgehend verkauft.

Folgt der aktuelle Aufschwung einem ähnlichen Muster, könnte der Höhenflug genau in dem Moment ins Stocken kommen, indem die Verhandlungen in ihre entscheidende Phase eintreten.

Von diesem Moment sind wir noch ein Stück weit entfernt. Noch muss Griechenland die Vorbedingungen erfüllen, welche die Gläubiger gestellt haben, um überhaupt in Verhandlungen einzutreten.

Die laufende Party könnte also noch ein paar Tage weitergehen, ehe der Morgen graut und der Kater kommt.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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