Der DAX und die laufende Berichtssaison: Machen die schwachen Zahlen wirklich die schwachen Kurse?

Politische Börsen haben bekanntlich kurze Beine und selbst die steilste und längste Rallye geht früher oder später in eine Korrektur über. Die Kombination aus beiden Beobachtungen erleben wir in dieser Woche.

Nachdem es uns über Wochen hinweg Tag für Tag in Atem gehalten und die Kurse an den Börsen bestimmt hat, ist das Thema Griechenland nun erst einmal durch. Wirklich ausgemacht ist die Rettung des angeschlagenen Landes zwar noch nicht, aber unter den europäischen Staats- und Regierungschefs zumindest abgesprochen. Das reichte den Anlegern, um zu jubeln und den DAX um schnelle tausend Punkte ansteigen zu lassen.

Die Anleger haben sich auf eine Rettung festgelegt und diese bereits in die Kurse einfließen lassen. So bleibt zwangsläufig die Frage, was die Aktien jetzt noch treiben soll, nachdem die positiven Nachrichten aus Athen und Brüssel ihre Schuldigkeit getan haben.

Die neue Berichtssaison könnte es richten, doch sie will bislang keine rechte Freude aufkommen lassen. Das ist aus zwei Gründen gefährlich. Zunächst einmal ist es für die Aktienkurse eines Landes nie gut, wenn die Unternehmen schwache oder gar schlechte Zahlen liefern. Gut ist aber auch nicht, wenn die Anleger Erwartungen hegen, die von der Wirtschaft nicht zu erfüllen sind.

Verwöhnte Kinder suchen nach einem Grund zum Schreien

Es waren insbesondere die Schwergewichte aus dem Technologiesektor, welche die Anleger bislang enttäuschten. Wenn ihr Geschäft nicht läuft oder zumindest nicht so gut läuft, wie man es sich erhofft, kann es um die Investitionslaune der Unternehmen und die Konsumbereitschaft der Konsumenten nicht allzu gut bestellt sein.

Dass das auf die Stimmung drücken muss, ist mehr als verständlich. Es bleibt allerdings die Frage, ob die Anleger hier nicht ein wenig zu strenge Maßstäbe anlegen und eher wie verwöhnte Kinder denn wie erwachsene Leute agieren?

Die Aktie von Apple wurde abgestraft, weil der Geschäftsbericht einen Ausblick auf den zukünftigen Umsatz gab, der leicht unterhalb der Analystenerwartungen lag. Erfahrene Investoren wissen jedoch, dass altgediente Analysten ihre Fahnen gerne in den Wind zu hängen pflegen.

Ist die Stimmung gut und steigen die Kurse, steigen mit schöner Regelmäßigkeit auch die Erwartungen an Umsatz und Gewinn. Gewinneinbrüche hingegen treffen die Branche oftmals wie Blitze aus heiterem Himmel. Hektisch und schnell werden dann Erwartungen und Kursziele zurückgenommen.

Wie belastbar sind die genannten Begründungen?

So stellt sich in diesen Tagen leicht das Gefühl ein, als sei es für die Börsianer nach all der politischen Hektik der vergangenen Wochen eine echte Zumutung, sich wieder mit den unscheinbaren Zahlen aus der Gewinn- und Verlustrechnung beschäftigen zu müssen. Vor allem dann, wenn diese so blass und unscheinbar daherkommen wie sie es jetzt tun und nicht den geringsten Anlass zum Jubeln bieten.

Wenn man dann auch noch in Rechnung stellt, dass die steile Griechenland-Rallye genau in dem Moment endete, in dem der DAX eine wichtige Widerstandszone anlief, kommt leicht die Frage auf, ob die schwachen Bilanzen eher als Hennen oder als Eier zu werten sind.

Sind sie wirklich die Begründungen und damit faktisch auch die Auslöser der jetzt wieder fallenden Kurse? Oder dienen sie nur als willkommenes Alibi, um nach den hohen Gewinnen der Vortage Kasse machen zu können?

Ich für meinen Teil glaube, dass wir die aktuelle Kursschwäche auch dann sehen würden, wenn jetzt gerade keine Berichtssaison wäre und kein Unternehmen seine Zahlen präsentieren würde. Die in den Medien herumgereichten Begründungen wären dann andere. Aber zurückgehen würden die Kurse trotzdem, einfach aus dem Grund, weil man nicht immer nur vorwärtsstürmen oder immer nur einatmen kann.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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