Spiegelt der DAX die gesamtwirtschaftliche Entwicklung noch angemessen wider?

Eine monatelange Korrektur wurde in den vergangenen Tagen nach oben aufgelöst. Rein charttechnisch betrachtet ist die Lage im DAX sehr ansprechend. Eine neue Rallye und damit höhere Kurse deuten sich an.

Themen wie Griechenland und die überall recht hohen Schuldenstände interessieren die Anleger derzeit nicht mehr. Jetzt ist der Weg zu Glück und Wohlstand endlich und endgültig frei. So will es zumindest scheinen.

Die Charts signalisieren Aufbruchstimmung und das Krisenmetall Gold fällt so deutlich durch alle charttechnischen Unterstützungen, dass es bald im Preis nur noch dreistellig sein wird.

Gold wird also über kurz oder lang nicht mehr gebraucht werden, denn Krisen – welcher Art auch immer – kann es bei diesen tiefen Preisen ja nicht mehr geben, ansonsten würde das Edelmetall nicht so preiswert gehandelt werden, sondern seinen Preis zumindest halten, wenn nicht sogar steigern.

Verkehrte Welt im DAX?

Doch das Gold fällt und der DAX steigt. Die Preise für Kupfer und Eisenerz fallen übrigens auch. Auch sie scheint keiner mehr zu brauchen. Zumindest nicht in den Mengen, in denen sie derzeit noch produziert werden.

In Kürze wird der neue Suezkanal eröffnet. Doch obwohl in rekordverdächtiger Zeit fertiggestellt, scheint er dennoch viel zu spät zu kommen, denn der Welthandel ist rückläufig. Das heißt, die alte Fahrrinne, die in den vergangenen Jahren an ihre Kapazitätsgrenze stieß und deshalb durch eine parallele ergänzt wurde, könnte am Ende doch wieder ausreichen und die ägyptischen Baggerfahrer hätten den ganzen Sand umsonst bewegt.

An für sich sollte die Börse den wirtschaftlichen Verlauf antizipieren und die Kurse der Wirtschaft um etwa sechs Monate vorauslaufen. Steigende Kurse würden somit auf eine steigende wirtschaftliche Aktivität verweisen und fallende Kurse auf eine sich eintrübende Konjunktur.

Können wir uns im Winter also wieder auf einen steigenden Welthandel und eine neu erwachte Nachfrage nach so wichtigen Rohstoffen wie Öl, Kupfer und Eisenerz freuen? Wenn die Börse wirklich die wirtschaftlichen Auswirkungen widerspiegeln würde, dann ja.

Der DAX steigt, der Welthandel fällt

Doch die Frage ist, ob die Kurse sich nicht viel zu stark an der Geldversorgung und viel zu wenig an der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung orientieren. In diesem Fall droht den Anlegern über kurz oder lang ein böses Erwachen.

Der Einbruch des Welthandels ist durchaus dramatischer Natur. Im Mai schrumpfte das Volumen nach Angaben des niederländischen Wirtschaftsministeriums um 1,2 Prozent im Vergleich zum April 2015. Schon im April gab es einen Rückgang um 0,2 Prozent.

Man könnte jetzt einwenden, dass eine Schwalbe noch keinen Sommer und zwei schwächere Monate noch kein Grund zu übermäßiger Sorge seien. Doch die Zahlen haben es dennoch in sich, denn ähnlich stark rückläufig entwickelte sich der Welthandel zuletzt im Jahr 2008.

Kommt es in den kommenden Monaten zu einer ähnlichen Entwicklung wie damals, steht die Weltwirtschaft möglicherweise vor einer erneuten Vollbremsung. Das Import- und Exportwachstum in den entwickelten Ländern ist nahezu zum Erliegen gekommen. In den Schwellenländern ist die Entwicklung noch dramatischer, denn der Handel ist bereits um zwei Prozent rückläufig.

Berücksichtigt man nun noch, dass in den vergangenen fünf Jahren insbesondere das Wachstum in China und den übrigen Schwellenländern für den Wirtschaftsaufschwung in Europa, den USA und der restlichen Welt verantwortlich war, wird schnell deutlich, welches enorme Gefahrenpotential hier lauert.

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Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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