China: Kranke Börsen, kranke Menschen

Wenn in diesen Tagen über die kräftigen Verluste an den chinesischen Börsen in Shanghai und Shenzhen gesprochen wird, dann dominieren in den Diskussionen die Themen aktueller Punktestand und mögliche Auswirkungen auf die Weltwirtschaft.

Ein derartiger Blickwinkel ist aus Sicht eines klassischen DAX-Anlegers ebenso verständlich wie berechtigt. Weit wichtiger als die rein monetären Auswirkungen sind meines Erachtens jedoch die sozialen. In China wird an den Börsen nicht nur gerade Geld vernichtet. Viel entscheidender ist der Schaden, der den betroffenen Menschen auf psychologischer Ebene zugefügt wird.

Hier könnte man jetzt schnell abwinken und sagen, dass auch im Westen die Anleger traurig und enttäuscht sind, wenn ein Investment anders verläuft als erwartet und Geld verloren wird. Warum soll man also um frustrierte chinesische Investoren mehr geben als um enttäuschte Anleger aus dem Westen?

Vielleicht, weil die Ausgangslage in China eine gefährlichere ist. Wir Deutschen sind ohnehin kein Volk von Aktionären und deshalb alles andere als repräsentativ. Doch typisch für uns und auch für das restliche Europa ist, dass Aktien, wenn sie denn gekauft werden, bevorzugt mit bereits verdientem Geld gekauft werden.

Physische und psychische Schmerzen

Der Aktienkauf auf Kredit ist zwar auch hierzulande möglich und wird teilweise auch praktiziert, aber er ist doch eher die Ausnahme als die Regel. Anders in China. Dort war der Aufschwung der Kurse viel stärker als anderswo von Krediten getragen.

Diese Kredite sind nun gleich in doppelter Hinsicht für jeden Anleger ein Problem. Sie müssen bedient werden, auch wenn das Investment selbst mit Verlusten endete, und sie nagen gleichzeitig am eigenen Selbstwertgefühl.

Das dürfte mit der Enttäuschung im Rücken tendenziell eher angeknackst sein. An dieser Stelle kommt eine wichtige Besonderheit der chinesischen Gesellschaft ins Spiel: Die chinesische Arbeitswelt ist ein permanenter Quell von Unlust und der mit ihr verbundenen Gefühle.

Es gibt auch in Deutschland viele Arbeitnehmer, die mit ihrer aktuellen beruflichen Situation nicht zufrieden sind. Doch trifft man zwischen Hamburg und München andererseits auch genügend Menschen, die mit Freude zur Arbeit gehen und die ihr Tun als spannend und sinnvoll empfinden.

Keine Freude am eigenen Tun

Bei meinen verschiedenen Besuchen in China bin ich mit vielen Menschen in Kontakt gekommen und habe viele Privatwohnungen von innen gesehen. Nur auf Menschen, die mir erzählt haben, dass sie gerne zur Arbeit gehen und ihren Beruf lieben, bin ich nie gestoßen.

Das mag Zufall sein und ich aus welchen Gründen auch immer auf die falschen Leute gestoßen sein. Doch selektive Wahrnehmung war es nicht, denn ich habe in diesen Momenten schnell gezielt nachgefragt und nach Aspekten gesucht, die auf eine doch irgendwie vorhandene Freude an der Arbeit und am eigenen Tun schließen ließen.

Gefunden habe ich sie nicht. Dafür jedoch eine Statistik, derzufolge 60 Prozent aller chinesischen Arbeitnehmer an chronischen Erkrankungen leiden. In Auftrag gegeben wurde die Studie von der Ping An Health Insurance und der Horizon Research Consultancy Group in Zusammenarbeit mit der chinesischen Gesundheitsbehörde.

Die Studie lief über einen Zeitraum von sechs Monaten und wertete die Daten von 499 Managern und 2.099 Angestellten aus insgesamt acht Industriezweigen in 15 Städten aus. Die Ergebnisse sind erschreckend: Im Durchschnitt sind chinesische Arbeiter körperlich um 5,7 Jahre älter als ihr eigentliches Lebensalter. Die Folgen sind starke Abnutzungserscheinungen im Hals-, Nacken- und Rückenbereich. Hinzu kommen Schlafstörungen als häufigste Probleme.

Mehr als ein Viertel der Befragten suchte im Jahr durchschnittlich dreimal einen Arzt auf. Die meisten Studienteilnehmer fehlten an ihren Arbeitsplätzen jedoch nur ein bis vier Tage pro Jahr. Mit anderen Worten: Auch wenn man eigentlich krank ist, geht man dennoch zur Arbeit.

Welcher Tropfen bringt das Fass zum Überlaufen?

Wenn man sich diese „Verspannungen“ vor Augen führt und berücksichtigt, dass die chinesische Gesellschaft auch sonst eine Stressgesellschaft mit hohem Druckpotential ist, wird leicht deutlich, dass es oft nur eines kleinen Anstoßes bedarf, um ein volles Fass zum Überlaufen zu bringen.

Es ist nicht gesagt, dass der derzeit schwächelnde Aktienmarkt dieser Tropfen ist. Aber es dürfte klar sein, dass die Spannung am Aktienmarkt zur Unzeit kommt und eine ohnehin bestehende Unzufriedenheit weiter anheizen wird.

Wer viel, vielleicht sogar alles, verloren hat, seine Gesundheit am Arbeitsplatz, sein Geld am Immobilienmarkt oder an der Börse, der hat nichts mehr zu verlieren und kann entsprechend offensiv agieren.

Auf sozialer Ebene kann sich hier leicht eine gefährliche Entwicklung hochschaukeln, die zunächst langsam, dann aber immer schneller ein gewisses „revolutionäres“ Potential entwickelt.

Es muss sich dabei nicht notwendigerweise um eine politische Revolution handeln, obwohl dieser Gedanke sicher naheliegend ist. Auch eine „Revolution“ im täglichen Konsumverhalten kann die Welt nicht kalt lassen, denn wenn 1,3 Milliarden Menschen plötzlich die Richtung wechseln, kann das auch für unsere kleine deutsche Aktienwelt sehr schnell gravierende Auswirkungen haben.

Insofern geht es bei den Geschehnissen in China derzeit um mehr als nur um schwächere Absatzzahlen für Volkswagen, Daimler oder BMW.

 

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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