Die FED zögert, der DAX auch

Ist es die urlaubsbedingte Ruhe, die den deutschen Aktienmarkt nicht so recht vom Fleck kommen lässt? Sind es die zahlreichen Probleme in Europa und dem Rest der Welt, die den Anlegern die Lust auf weitere Aktienkäufe verleiten?

An der amerikanischen Notenbank sollte es eigentlich nicht liegen, dass die Kurse in Frankfurt auch am Donnerstag nicht den entscheidenden Sprung über die Marke von 11.300 Punkten schafften.

Im Umfeld dieser Marke ist derzeit Schluss und Anleger, die in den letzten Tagen jede Annäherung an den Bereich mit Verkäufen beantworteten, machten einen schönen Schnitt, denn nicht zum ersten Mal scheiterte der DAX auf diesem Niveau.

Es fehlen offenbar jene Impulse, die notwendig sind, um den von vielen erhofften Befreiungsschlag zu setzen. Auch die Sitzung der US-Notenbank vom Mittwoch war offensichtlich nicht das Thema, auf das der Markt gewartet hatte.

Fehlende Impulse lähmen den Markt

Dabei hätte das Ergebnis der Sitzung durchaus einen gewissen Anlass zur Freude enthalten. Dass die Zinsen in den USA wieder steigen werden, ist dem Markt seit mehr als einem Jahr bewusst. Gezittert wurde zunächst vor der Frage, wann die Zinswende kommt und wie schnell es mit den Zinssätzen anschließend wieder aufwärtsgeht.

In der Zwischenzeit ist man sich relativ klar darüber, dass der Schritt zwar kommt, aber die Zinsen im Anschluss nicht rasant steigen werden. Die Gefahr für die Märkte ist somit überschaubar.

Trotzdem: Die alte Weisheit, dass steigende Zinsen Gift für den Aktienmarkt seien, hat auch weiterhin Bestand und belastet entsprechend die Aussicht auf die kommenden Wochen und Monate.

Keiner traut sich

Vor diesem Hintergrund hätten die Anleger in dieser Woche eigentlich jubeln können, denn es wurde ausgesprochen, was ohnehin schon viele erwartet hatten. Die FED lässt sich mit ihren Schritten nicht nur Zeit, sondern viel Zeit, vor allem wenn und weil sie das Gefühl hat, der Markt sei noch zu schwach und das Konjunkturpflänzchen zu zart, um dem Wind steigender Zinsen widerstehen zu können.

Die US-Konjunkturzahlen für das erste Halbjahr 2015 liegen inzwischen vor und sie sind insgesamt eher enttäuschend ausgefallen. Nicht nur die FED hatte mit mehr gerechnet. Innerhalb der amerikanischen Zentralbank hat man auf die Schwäche der US-Wirtschaft reagiert.

Die Zinswende wurde zunächst einmal verschoben und die Bedingungen für ihren Eintritt weiter aufgeweicht. Der Fokus liegt stark auf dem Arbeitsmarkt, was auch sehr verständlich ist. Schließlich sind rund 70 Prozent der US-Konjunktur vom Konsum abhängig.

Überschuldung der Privathaushalte nicht abgebaut

Konsumieren müssen aber die Unter- und Mittelschicht sollen am Ende vernünftige Zahlen dabei herauskommen. Seit der Einführung der Nullzinspolitik im Jahr 2008 haben sich die Einkommen der Arbeitnehmer um durchschnittlich 3,5 Prozent erhöht. Das ist nicht besonders viel. Zum Vergleich: Im gleichen Zeitraum wurden die kreditfinanzierten Konsumausgaben um stolze 25 Prozent gesteigert.

Weil auch in den Krisenjahren nicht gespart, sondern fleißig weiter konsumiert wurde, stellt sich nun beinahe zwangsläufig die Frage, wie weiterer die US-Wirtschaft antreibender Konsum entstehen soll, wenn die Einkommen der durchschnittlichen Amerikaner kaum noch steigen und ihre Kreditrahmen schon weitgehend ausgeschöpft sind.

Eine Anhebung der Zinsen in dieser Situation könnte die amerikanische Wirtschaft ebenso leicht wie schnell in eine Vollbremsung zwingen. Durch den hohen Wechselkurs des US Dollars agiert man international im Vergleich zur Konkurrenz ohnehin mit einem gewissen Nachteil.

Veränderte Wahrnehmung: Anleger orientieren sich wieder mehr an der Wirtschaft als am billigen Geld

Eigentlich müsste sich der Markt über die ihm von FED-Chefin Janet Yellen gewährte Verschnaufpause freuen. Früher gab es in vergleichbaren Situationen Jubelstürme und die Kurse schossen steil empor. Davon war in dieser Woche nicht einmal ansatzweise etwas zu sehen.

Dass es nur an der urlaubsbedingten Abwesenheit einzelner Marktteilnehmer gelegen haben soll, ist möglich, aber nicht unbedingt die wahrscheinlichste Annahme. Viel eher wird deutlich, dass der Markt sich langsam aber sicher wieder normal justiert.

Schlechte Nachrichten werden mit fallenden Kursen quittiert und Aktien bei guten Nachrichten von der Konjunkturfront gekauft. Das war in den Jahren nach 2008 nicht so. Da wurde gekauft, wenn die Nachrichten schlecht waren, weil jeder hoffte, dass die FED gar nicht anders könne, als den Markt mit viel, viel billigem Geld zu fluten.

Diese merkwürdigen Zeiten sind noch nicht unbedingt vorbei, aber es gibt deutliche Anzeichen dafür, dass sie sich ihrem Ende nähern.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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