Die Börsen, die Notenbanken und die Illusion der Liquidität

Bernd Heim
By Bernd Heim / 17. August 2015

Im Grunde weiß jeder Anleger, dass ein Kurs nur dann zustande kommt, wenn an der Börse ein Käufer auf jemanden trifft, der seine Aktien, Anleihen, Fonds oder Optionen verkaufen will. Ist kein Verkäufer vorhanden, steigen die Kurse schnell in den Himmel, was weniger stört, als wenn sich im Verkaufsfall kein Abnehmer für die eigenen Wertpapiere finden will.

In unserer Wahrnehmung war die Finanzkrise in erster Linie ein Liquiditätsproblem. Es entstand, weil Banken einander massiv misstrauten. Finanzierungen wurden ablehnten und einzelne Märkte trockneten deshalb so stark aus, dass kaum mehr Kurse gestellt wurden.

Gelöst wurde das Vertrauensproblem durch die Notenbanken, die genügend Liquidität bereitstellten und den ausgetrockneten Interbankenhandel ersetzten. Damit nahmen die Zentralbanken Risiken in ihre Bücher, welche die Banken nicht mehr zu tragen bereit oder in der Lage waren.

In den Jahren nach der Krise wurden die Banken gezwungen, für risikoreichere Geschäfte mehr Eigenkapital zu hinterlegen. Diese an sich sehr sinnvolle Maßnahme führte dazu, dass sich die Banken aus Teilen des Marktes zurückzogen. Private Anleger und Hedgefonds traten an ihre Stelle.

Die Krise beginnt, wenn kurzfristig Geld benötigt wird

Die Risiken sind damit nur für die Banken, nicht aber für die Allgemeinheit kleiner geworden, denn ein Risiko verschwindet nicht dadurch, dass es nun jemand anderes trägt.

Auf zukünftige Krisen übertragen bedeutet dies, dass sich die Kettenreaktionen, die 2007/2008 zur Finanzkrise führten, jederzeit wiederholen können, wenn auch mit anderen Protagonisten an vorderster Front.

Gefährlich wird es an den Finanzmärkten immer dann, wenn Vertrauen schwindet und Kredite nicht mehr verlängert und zurückgefordert werden. Der Kreditnehmer ist dann in der Verlegenheit, Werte, die er besitzt oder als Sicherheiten für seinen Kredit hinterlegt hat, umgehend verkaufen zu müssen.

Befinden sich zu viele Marktteilnehmer in einer vergleichbaren Situation und drängen zum Ausgang, trocknen insbesondere die illiquideren Märkte sehr schnell aus. Die Kurse fallen dann leicht ins Bodenlose, weil immer mehr kreditfinanzierte Investments aufgelöst werden.

Werden die Notenbanken in Zukunft die privaten Anleger retten?

Während der Finanzkrise sprangen die Zentralbanken ein und befreiten die Banken aus ihrer Notlage. In zukünftigen Krisen dürften allerdings die privaten Anleger stärker betroffen sein, weil sich die Banken aus vielen Märkten weitgehend zurückgezogen haben.

Entscheidend wird dann sein, ob die Notenbanken auch bereit sein werden, private Anleger vor dem Gang in die Insolvenz zu bewahren? Bei der Beantwortung dieser Frage wird früher oder später das Wort ’systemrelevant‘ fallen. Die Banken wurden in den Jahren nach 2008 gerettet, weil sie wichtig für das System waren.

Sind das die privaten Anleger auch? Im Westen mag man geneigt sein, diese Frage im ersten Moment mit Kopfschütteln zu quittieren und mit einem klaren ‚Nein‘ zu beantworten.

Doch so einfach ist die Sache nicht, wie ein Blick nach China zeigt. Dort werden derzeit nicht die Banken, sondern primär die privaten Aktionäre vor Verlusten bewahrt. In China steht im Hintergrund sicher auch eine Regierung, die um ihr eigenes politisches Überleben stets besorgter sein muss als andere Administrationen, weil ihre demokratische Legitimierung fragwürdig ist.

Dennoch: Die Flasche wurde geöffnet und der in ihr enthaltene Geist konnte entweichen. Nun wird sich zeigen, welche Kraft er auch hier bei uns im Westen langfristig entfalten wird.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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