DAX: Ohne Handlungsspielraum wird es eng

Bernd Heim
By Bernd Heim / 18. August 2015

Die aktuelle Wirtschaftslage erinnert ein wenig an den Sommer, an dem wir uns derzeit noch erfreuen. Zwar scheint noch die Sonne, doch am Horizont ziehen dunkle Wolken auf, und dass auf den Sommer zunächst der Herbst und später dann der Winter kommen werden, weiß hierzulande jedes Kind.

Wirtschaftliche Aufschwünge, wie den, den wir seit 2009 erleben, sind schön, doch noch nie waren sie unendlich. Irgendwann gehen sie zu Ende und werden abgelöst von einem Abschwung. So weit so regelmäßig hätte sich nicht eine Allianz aus Politik und Notenbanken in den vergangenen Jahren bemüht, die Abschwünge grundsätzlich ausfallen zu lassen.

Immer ist das zwar nicht gelungen, aber sehr oft hat man durch den Einsatz von viel Geld Strukturen erhalten, die eigentlich nicht haltbar waren und damit dem Untergang geweiht gewesen wären. Gekauft hat man sich etwas mehr Zeit, in der man der Illusion des ‚es geht doch‘ weiter anhängen und die Realität erfolgreich verdrängen konnte.

Wenn Sie heute nach Berlin reisen und sich morgen als Zuschauer ins Parlament setzen, werden sie eine weitere Folge der beliebten Unterhaltungsserie ‚Kopf in den Sand stecken und das Beste hoffen‘ erleben. Dabei zeigt uns die schwierige Situation in Griechenland im Grunde jetzt schon, dass es am Ende nur noch schlimmer wird, wenn man schmerzhafte Anpassungsprozesse auf die lange Bank schiebt.

Die nächste Krise kommt so sicher wie der nächste Winter

Wir wissen nicht, wann sie kommen wird, aber dass sie kommt, ist schon jetzt deutlich spürbar. Rund um den Globus mehren sich die Alarmzeichen und das erschreckende an diesen Alarmzeichen ist, dass wir jetzt schon ahnen, wir werden dieser neuen Krise relativ hilf- und schutzlos ausgeliefert sein.

Das ist ungefähr so, wie wenn im Winter Schnee fällt, Sie zum Kleiderschrank eilen und erschrocken feststellen, dass dieser nur noch Ihre Sommergarderobe enthält. Sie meinen, der Vergleich sei ein wenig weit hergeholt, weil im Schrank doch noch die alten Pullover, Jacken und Mützen aus dem Vorjahr liegen.

Im Prinzip haben Sie recht. Alles liegt noch an seinem Platz und ist prinzipiell einsetzbar. Wir könnten die alte Winterkleidung erneut zum Einsatz bringen. Aber die Löcher in der Wolle sollten sie nicht vergessen und den möglicherweise veränderten Hüftumfang auch nicht. Will heißen, was gestern noch passte und wärmte, kann morgen schon nicht mehr ausreichend sein.

Das Pulver ist bereits verschossen

Auf die letzte Krise reagierten die Staaten in den Jahren 2008 und 2009 mit einer dramatischen Ausweitung ihrer Schulden. Um jeden Preis sollte der Konsum auf einem hohen, vielleicht sogar auf einem zu hohen Niveau gehalten werden. Aber beschnitten werden durfte die große Konsumsause auf gar keinen Fall.

Bezahlbar machten die Party ohne Ende die Notenbanken, indem sie die Zinsen Stück für Stück absenkten, bis am Ende die Nulllinie erreicht war. Vermutlich hätten sie das Spiel gerne noch ein Weilchen fortgesetzt, doch das ist nicht mehr möglich. Wir sind unten angekommen. Tiefer geht es nicht mehr.

Sinnvoll wäre nun eine rasche Anhebung der Zinsen. Nicht nur ein wenig, sondern gleich auf vier bis sechs Prozent. Dann wäre, zumindest was das Zinsniveau betrifft, die Ausgangslage der Jahre 2007/2008 wieder erreicht und das Rettungsspiel könnte mit Aussicht auf Erfolg noch einmal von vorn beginnen.

Doch ein derart hohes Zinsniveau ist vollkommen utopisch. Es würde allen, den hoch verschuldeten Staaten ebenso wie den privaten Schuldnern den Rest geben und die Wirtschaft wie ein Kartenhaus zusammenbrechen lassen.

Man kann es drehen und wenden, wie man will, aber viel Spielraum bleibt im Fall einer erneuten Krise nicht mehr. Die Handlungsmöglichkeiten sind mehr als begrenzt. Kein Wunder, dass die Börsen zunehmend nervös werden und auch unser exportlastiger DAX langsam aber sicher ins Schwitzen kommt.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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