Mit Holzgewehren gegen die nächste Krise?

Bernd Heim
By Bernd Heim / 19. August 2015

Die nächste Krise? Sie ist hoffentlich noch weit entfernt, kommt aber bestimmt und das ist eine alles andere als angenehme Vorstellung, denn wir sind so gut auf sie vorbereitet wie eine Armee, die mit Holzgewehren gegen einen übermächtigen Gegner antritt.

Prinzipiell würden all die Maßnahmen, die in den Jahren 2007 bis 2010 im Kampf gegen die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise eingesetzt wurden, auch heute noch wirksame Gegenmaßnahmen abgeben. Gangbare Wege sind sie dennoch nicht, weil wir nicht mehr in der Lage sind, jene Straßen zu beschreiten, die ab 2009 zu sichtbaren Erfolgen führten.

Die Zinsen sind bereits so tief, dass sie nicht mehr weiter gesenkt werden können. Damit fallen sie als Instrument zur Krisenbekämpfung aus. Auch der Ölpreis ist ausgesprochen niedrig. Er hat die Wirkung eines Konjunkturprogramms, wenn er fällt und wirkt als Bremse für die Konjunktur, wenn er steigt.

Nicht viel anders verhält es sich mit den Preisen für wichtige Industriemetalle wie Kupfer und Eisenerz. Auch sie haben sich von ihren Höchstständen weit entfernt. Das unterscheidet die heutige Situation deutlich von der Lage, die 2007/2008 gegeben war.

Tiefere Rohstoffpreise werden die Konjunktur nicht befeuern

Damals waren die Rohstoffpreise hoch, viel höher als heute. Der Ölpreis kletterte unaufhaltsam in Richtung 150 US Dollar je Barrel und Experten erwarteten sogar Preise von bis zu 200 Dollar je Fass.

Zum Glück kam es nicht dazu. Aber verglichen mit der Situation von vor sieben Jahren sind Öl und Gas heute ausgesprochen preiswert. Die konjunkturfördernde Wirkung fallender Energiepreise ist somit beschränkt.

Große Gewinne sind bei den heutigen Preisen mit der Ölförderung nicht mehr zu erwirtschaften. Weder die großen Ölgesellschaften noch die großen Förderländer wie Saudi-Arabien oder Russland kommen mit dem aktuellen Preisen wirklich klar.

Russlands Wirtschaft, die sehr stark auf dem Verkauf von Energie und Rohstoffen basiert, hat sich deutlich abgekühlt und auch das reiche Saudi-Arabien kann seine laufenden Kosten aus dem Ölgeschäft alleine nicht mehr decken. Es ist gezwungen an den internationalen Finanzmärkten Kredite aufzunehmen, um seine Ausgaben weiterhin stemmen zu können.

Auch die Preise für Nickel, Kupfer und Eisenerz erreichten in den Jahren vor der Finanzkrise neue Höchststände. Von diesen haben sie sich wieder weit entfernt, sodass das Potential sinkender Einkaufspreise für die Industrie auch an dieser Stelle ausgesprochen begrenzt ist.

Die Sorge um die Schwellenländer nimmt zu

In China schrillen täglich neu die Alarmsirenen und in den BRIC-Staaten Russland und Brasilien schrumpfen Wirtschaft und Wohlstand. Dass Indien in den kommenden Jahren die Rolle der weltweiten Konjunkturlokomotive von China übernimmt, ist eher unwahrscheinlich, denn in ganz Asien trübt sich das Wirtschaftsklima ein.

Bleiben also nur die etablierten Volkswirtschaften in Europa, den USA und Japan. Sie könnten es richten – zumindest prinzipiell. Faktisch dürfte das Potential auch hier eher beschränkt sein, denn die Schuldenstände sind jetzt schon ausgesprochen hoch. Sie wie in den Jahren nach 2008 noch einmal drastisch zu steigern dürfte kaum möglich sein, ohne die Stabilität zu gefährden.

Großbritannien hatte vor der Krise eine Schuldenquote von 50 Prozent, die USA lagen bei 64 und die Euro-Zone bei 72 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Nur in Japan, Italien und Griechenland lag die Schuldenquote bereits 2007 bei über 100 Prozent.

Hohe Schuldenquoten zwingen zum Sparen

Verglichen mit den heutigen Schuldenständen, sind das Traumquoten, die eine weitere Ankurbelung der Konjunktur mittels staatlicher Investitionsprogramme nahezu ausschließen. In den USA und Großbritannien haben sie sich die Schulden in Relation zum BIP seit 2007 auf rund 110 Prozent fast verdoppelt.

Noch einmal deutlich höher liegen sie nach OECD-Angaben in Frankreich (122 Prozent), Portugal (148 Prozent) und Italien (160 Prozent). Den Spitzenwert hat nach wie vor Japan mit 230 Prozent inne.

Neue Schulden sind vor dem Hintergrund dieser Zahlen so gut wie ausgeschlossen, es sei denn, man will die Welt in ein globales Griechenland verwandeln, in dem Schulden zwar ständig aufgenommen, aber nie mit Zinsen bedient oder am Ende gar zurückgezahlt werden.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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