Wo ist die heile Welt, in der wir eigentlich leben müssten?

Bernd Heim
By Bernd Heim / 21. August 2015

Erinnern Sie sich noch an die letzten Monate der Präsidentschaft von Jimmy Carter? In Teheran wurde die US-Botschaft von „Studenten“ gestürmt und der Ölpreis stieg auf atemberaubende 40 US Dollar je Barrel. Die Preise für Silber und Gold explodierten und US Notenbankchef Paul Volcker bekämpfte die Inflation, indem er den Zinssatz zeitweise bis auf 20 Prozent anhob.

Für die Wirtschaft war die Verteuerung des Geldes und des Erdöls Gift. Sie glitt schnell in eine neue Krise ab, die mit dazu beitrug dem US-Präsidenten bei den nächsten Wahlen sein Amt zu kosten. Das hohe Zinsniveau begünstigte die Sparer und bremste die Investitionen.

Trotzdem dauerte es nicht mehr lange, bis die Aktienbörsen zu einem Aufschwung ansetzten, der fast 20 Jahre andauern und erst zur Jahrtausendwende enden sollte. Von einer derart konstanten Hausse träumen die Anleger auch heute wieder. Die Frage ist jedoch, ob diese Hoffnungen berechtigt sind.

Unterschiedlicher könnten die Ausgangslagen kaum sein

Vom hohen Zinsniveau der damaligen Zeit konnte die Reise nur abwärts erfolgen. Eine weitere Steigerung war kaum möglich. Gleiches galt im Grunde auch für den Ölpreis. Für ihn galt, was auch für andere Rohstoffe und Anlageformen gilt: Irgendwann gewöhnen sich die Anleger an die Schocknachrichten und der Schrecken verliert seine Wirkung.

Die Kombination aus fallendem Ölpreis und sinkenden Zinsen hat sicher viel dazu beigetragen, jenen Aufschwung zu erzeugen, an den die Anleger auch heute noch gerne zurückdenken. Eine Wiederholung wäre wünschenswert, aber der Startzeitpunkt könnte kaum ungünstiger gewählt sein.

Wieder notiert der Ölpreis im Bereich von 40 US Dollar je Fass. Er setzt damit den im vergangenen Jahr begonnenen Abwärtstrend fort. So preiswert wie heute war das Öl seit fünf Jahren nicht mehr. Oder anders ausgedrückt: Während des gesamten Aufschwungs seit 2009 musste für das Fass Öl mehr Geld auf den Tisch gelegt werden.

Auch die Zinsen sind so niedrig wie nie zuvor. Zum fünften Mal hintereinander gelang es dem Bundesfinanzministerium eine Nullkupon-Anleihe zu platzieren. Die Anleihe ohne Zins hat eine Laufzeit von zwei Jahren und bringt nach Abschluss eine Rendite von minus 0,25 Prozent.

Man verkauft uns den Abgrund als Paradies

Das Zinsniveau ist niedrig und das wichtige Öl bekommt man auch schon fast wieder geschenkt. Trotzdem will die Wirtschaft nicht so recht ins Laufen kommen. Noch läuft sie, aber gemessen an dem, was möglich wäre, ist das Tempo, mit dem wir unterwegs sind, vergleichsweise bescheiden.

Nicht nur die Geschwindigkeit und Dynamik des Aufschwungs lässt nach. Es mehren sich die Zeichen dafür, dass es zu einer Wende kommt. Der Welthandel schrumpft und das täte er nicht, wenn überall weiter fleißig gekauft und produziert würde.

Man kann Währungen künstlich schwächen und damit die Aktienkurse stützen, indem man die Märkte mit billigem Geld flutet. Oberflächlich sieht dann alles bestens aus. Die steigenden Kurse können aber nicht ewig verdecken, dass die Schiffe, die in den Häfen festmachen, weniger Container geladen haben oder immer seltener am Kai festmachen.

Auf jeden noch so schönen Sommer folgen früher oder später Herbst und Winter und jeder Aufschwung wird sich irgendwann einmal abschwächen. In der folgenden Krise wird sich zeigen, welche zuvor aufgebaute Produktion wirklich benötigt wird und welche nicht.

Sich diesem natürlichen Prozess entgegenstellen zu wollen, kann dauerhaft nicht funktionieren. Der Versuch wird ebenso scheitern wie das Bemühen, den kommenden Winter nur mit T-Shirt und kurzer Hose überstehen zu wollen.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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