DAX: Auf dem Weg zum fairen Wert?

Bernd Heim
By Bernd Heim / 28. August 2015

Was ist der faire Wert einer Aktie, eines Rohstoffs oder eines Aktienindex? Über kaum eine Frage streiten die Investoren so leidenschaftlich und häufig wie diese. Im Grunde kommt man nie zu einer Übereinkunft, denn Verkäufer und Käufer werden immer uneins sein müssen, soll an der Börse tatsächlich Handel zustande kommen.

Der eine kauft ein Wertpapier, weil er es als günstig betrachtet, der andere verkauft es, weil er ihm keine große Zukunft mehr einräumt und lieber das Geld besitzen möchte als den Anteil an der Firma oder den Rohstoff im Hintergrund.

Auch in der laufenden Korrektur steht die Frage, was der faire Wert einer Aktie ist, wieder im Mittelpunkt. Schwierig zu beantworten ist diese Frage nicht nur, weil Käufer und Verkäufer per Definition schon anderer Meinung sein müssen.

Erschwerend kommt in diesen Tagen hinzu, dass wir nun langsam von den Kräften eingeholt werden, die einst gerufen wurden, um die Märkte zu stabilisieren. Angeblich sind die Finanzmärkte frei. Doch in Wirklichkeit sind sie es längst nicht mehr, weil rund um den Globus an immer mehr Stellen von Regierungen und Notenbanken steuernd in das Marktgeschehen eingegriffen wird.

Die Fülle der Manipulationen verzerrt das Bild

Der Kursstand einer Aktie sollte eigentlich die Bewertung eines Unternehmens und ein großer Index die Leistungsfähigkeit einer ganzen Industrie angemessen widerspiegeln. Der aktuelle Preis wäre damit das Spiegelbild der augenblicklichen Attraktivität.

Doch wenn eine Aktie, wie Apple, in zu vielen privaten Depots enthalten ist, wenn ein Index, wie der Dow Jones, zu bedeutsam oder ein Rohstoff, wie das Öl, zu wichtig ist, als dass er unbemerkt steigen oder fallen könnte, dann ist der Weg zur Manipulation sehr leicht beschritten.

Historisch betrachtet wurden wohl nur wenige Anlageformen so oft und so nachhaltig manipuliert wie Gold und Silber. Geschummelt wurde beim Gewicht, beim Preis und bei der Reinheit, denn beide waren politische Metalle und zumindest das Gold ist es auch heute noch immer.

Entsprechend groß ist die Versuchung über den Preis eine Aussage über seinen angeblichen Wert und damit seine politische Bedeutung in die Welt zu setzen. Das Spiel an sich ist so alt wie schlecht.

Freie Märkte sind so gefährlich wie freie Bürger

Wir sollten uns nur immer wieder vergegenwärtigen, dass es gespielt wird. Tun wir es nicht und vergessen oder verdrängen diese wichtige Wahrheit, laufen wir schnell Gefahr, fehlerhafte Schlüsse aus unserer Wahrnehmung zu ziehen.

Wer nur auf die Kurse schaute und diese an den Börsen in Shanghai und Shenzhen in der zweiten Julihälfte steigen sah, der konnte leicht den Eindruck gewinnen, es gehe der chinesischen Wirtschaft wieder besser.

Nichts könnte unzutreffender sein, denn es war allein die chinesische Regierung, die sich mithilfe ihrer Notenbank darum bemühte, den Markt hochzukaufen. Es ist leicht an dieser Stelle den Finger auszustrecken und mit ihm in Richtung Peking zu zeigen.

Fair ist diese Geste auf keinen Fall, denn auch in den USA und Europa haben die Börsen längst nicht mehr jene Freiheit, die sie eigentlich haben sollten. Wäre es anders, würden weder die Federal Reserve Bank noch die Europäische Zentralbank alles in ihrer Macht stehende tun, um die Kurse von Anleihen und Aktien dorthin zu treiben, wo man sie stehen sehen möchte.

Wie wichtig ist der EZB die Wohlstandsillusion?

In China geht es darum, den Wert der Aktien nicht zu tief fallen zu lassen, um dem Volk seine Verluste zu ersparen. Bei den europäischen Anleihen geht es darum, die Zinsen zu drücken und die Kurse hochzuhalten, damit auch die Problemstaaten ohne Probleme weiterhin an frisches Geld gelangen.

Die spannende Frage der laufenden Korrektur wird sein, ob es entsprechende „Ziele“ auch für den DAX bzw. den Dow Jones oder S&P500 gibt. Runde Marken, auf die alle Welt gerne schaut, könnten ein solches Ziel sein. Zu nennen sind hier die 10.000 Punkte im DAX oder der Preis von 1.000 US Dollar für die Feinunze Gold.

Auch Nichtaktionäre und nicht nur die Goldbugs schauen auf derartige Marken. Sie tun das vor allem dann, wenn die Marken vorwiegend psychologischer Natur und weniger auch charttechnisch bedeutsam sind.

Ein DAX im vierstelligen Bereich klingt heute nicht nur billig, sondern gleich auch ein wenig schlecht. So als wäre ein ganzes Land über Nacht quasi verarmt. Gleiche Aussagen lassen sich für den Dow Jones, den S&P500 und den Nikkei-Index treffen, sollten sie zu tief fallen.

Schmerzgrenzen sind dazu da getestet zu werden

Es könnte also Marken geben, an dem sich jemand berufen fühlt einzugreifen. Ob es diesen ‚jemand‘ gibt und ob er sich tatsächlich zu irgendeinem Eingriff berufen fühlt, soll damit noch gar nicht behauptet sein.

Allein die Möglichkeit dazu besteht und die Börse wäre nicht die Börse, wie wir sie kennen, lieben und fürchten, hätte sie nicht die unangenehme Eigenschaft mit Nachdruck auszutesten, ob es diese Marken wirklich gibt.

In diesem Fall würde der Markt einmal mehr den Weg des größten Schmerzes gehen und die Belastbarkeit nicht nur der Anleger, sondern auch die der Notenbanken und Politiker austesten.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

Leave a comment: