Werden Deutschlands Sparer bald wieder für ihre Dummheit bestraft?

Bernd Heim
By Bernd Heim / 15. September 2015

Wenn die Deutschen an die Worte ’sparen‘ und ‚Kapitalanlagen‘ denken, fallen ihnen meist nur zwei „Königswege“ ein: die kapitalbildende Lebensversicherung und das klassische Sparbuch.

Progressive Anleger entdeckten auch das Tagesgeld für sich und wer etwas mehr Geld zum Anlegen hat, dem kommen vielleicht auch noch die Immobilien in den Sinn. Bei der demographischen Schwindsucht unserer Bevölkerung sicher eine hervorragende Anlage, deren Unsicherheiten im Zweifelsfall die in diesen Tagen zu Tausenden zu uns kommenden armen Flüchtlinge aus Afrika schon irgendwie richten werden.

Auch das Gold erfreute sich in den Jahren unmittelbar nach der Finanzkrise einer kurzfristigen Beliebtheit. Viel geblieben ist von ihr nicht, wenn man einmal davon absieht, dass die gekauften Goldmünzen und Silberbarren wenigstens nicht gleich wieder auf dem Tief verkauft wurden.

So bleibt der deutsche Durchschnittsanleger mangels Mut und Alternativen dem Bewährten treu. An dieser Einseitigkeit ändern auch die seit Jahren rückläufigen Zinsen nicht viel. Lebensversicherungen waren beliebt und sind es auch noch heute, wenn auch die neuen Abschlusszahlen nicht mehr ganz die altbekannten Höhen heranreichen.

Von der Politik in die Zange genommen

Die Lebensversicherungsgesellschaften können einem schon leidtun, denn sie sind quasi dazu verdammt, ihre Kunden zu verprellen. Die Notenbanken schleusten die Zinsen auf bislang unbekannt tiefe Niveaus und sie erwecken gerade nicht den Anschein, als würden sie mittel- bis langfristig am Zinsniveau wesentlich etwas ändern können oder wollen.

Auch die Politik hat die Lebensversicherer in ihrem Sinne vereinnahmt. Weil der Kapitalmarkt so furchtbar gefährlich ist und der arme Kunde bekanntlich vor jeder Gefahr, auch vor der vermeintlichen, geschützt werden muss, dürfen die Versicherer das Geld ihrer Kunden fast nur noch in Staatsanleihen investieren, denn diese sind angeblich sicher, auch die griechischen.

Es liegt auf der Hand, dass dieses verlogene Spiel für den Kunden auf Dauer nicht gut gehen kann. Aber der Kunde interessiert in der Wirtschaft, wenn es hart auf hart kommt, ebenso wenig wie der Steuerzahler in der Politik.

Der lange Weg hinab ins Zinstal

Noch vor drei Jahren, im Jahr 2012, lag der Garantiezins bei 4,0 Prozent. Vor dem Hintergrund der schon damals rückläufigen Zinsen mussten die Lebensversicherungen fast wie Felsen in der Brandung erscheinen.

Aber auch diese harten Felsen wurden schnell weich gespült, denn auch die Manager einer Lebensversicherung können die Gesetze des Kapitalmarkts nicht aushebeln und hohe Renditen erwirtschaften, wenn sie die Politik in niedrig verzinste Staatsanleihen zwingt.

Die Folge war eine permanente Absenkung des Garantiezinses. Für die Kunden war der Weg bislang schon schmerzhaft genug und es gibt Anzeichen, dass er lange noch nicht zu Ende ist. Das natürliche Ziel ist wie immer die Nulllinie, auch wenn das nur wenige so deutlich aussprechen und erst recht keiner wahrhaben will.

Geht Österreich dieses Mal voran?

In der Alpenrepublik gibt es „nur“ rund 10 Millionen Versicherungspolicen. Im Vergleich zum deutschen Markt, der neun Mal so groß ist, scheint das Problem auf den ersten Blick damit nicht ganz so groß auszufallen. Doch der Schein trügt, denn auch das Bevölkerungsverhältnis der beiden Staaten liegt bei etwa 1:9.

Man schlägt sich also mehr oder weniger mit den gleichen Problemen herum und leitet ähnliche Schritte zu ihrer Lösung ein. Mal geht dabei Deutschland voran, mal Österreich. Im Moment hat es den Anschein, als würde, was den Garantiezins der Lebensversicherungen betrifft, der nächste Schritt in Wien gesetzt werden.

Die dortige Finanzmarktaufsicht prüft noch, doch es verdichten sich die Anzeichen, dass der Garantiezins erneut gesenkt werden soll, und zwar von derzeit 1,5 auf zukünftig nur noch 1,0 Prozent.

Eine Reduktion des Garantiezinses um 0,5 Prozentpunkte klingt im ersten Moment nicht sonderlich dramatisch. Man sollte aber das Ausgangsniveau nicht ganz außer Acht lassen. Wir reden hier immerhin von einer Kürzung um 50 Prozent.

Deutschland wird sicher bald folgen

Stellen Sie sich nur einmal einen Augenblick lang vor, Löhne und Gehälter würden zum Jahreswechsel auch um 50 Prozent gekürzt, um die laufenden Kosten der Staaten bzw. der Unternehmen bezahlen zu können.

Die Deutschen Aktuar Vereinigung (DAV) hat bereits eine Empfehlung ausgesprochen, den Garantiezins 2016 auf 1,25 Prozent zu senken. Anfang des kommenden Jahres wird man erneut zusammenkommen, um seine Empfehlung für 2017 auszusprechen.

Wir gehen wohl nicht fehl in der Annahme, dass die deutsche Vereinigung der Versicherungswirtschaft die Entwicklung in Österreich nicht unberücksichtigt lassen und eine erneute Absenkung des Garantiezinses auf 1,0 Prozent befürworten wird.

Man kann es ihr nicht verübeln, denn der Rentenmarkt wird auf Dauer nicht mehr hergeben und die deutschen und österreichischen Lebensversicherungskunden sind damit mehr oder weniger gezwungen, den steinigen Weg ins Zinstal auch zukünftig gemeinsam zu gehen – ob sie es wollen oder nicht.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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