VW: Der Vorstand geht, der Schaden bleibt

Bernd Heim
By Bernd Heim / 25. September 2015

VW Vorstand Martin Winterkorn nimmt seinen Hut und geht. Es bleibt eine Fülle an Problemen, von denen der Kurssturz bei Weitem nicht das schlimmste ist. Von den Tiefkursen der vergangenen Tage konnte sich die Aktie zwar wieder etwas absetzen, doch der Weg zurück zum Hoch ist weit und wer weiß, ob er je wieder beschritten werden kann.

Wer immer den scheidenden VW-Vorstand beerbt, auf ihn warten Aufgaben, die es in sich haben. Die Abgasaffäre will aufgeklärt werden und sie könnte neben Martin Winterkorn noch den einen oder anderen hochrangigen VW-Manager zu Fall bringen, denn es ist kaum vorstellbar, dass der Hausmeister nachts nach Dienstschluss die manipulative Software programmiert und millionenfach in die Fahrzeuge eingebaut haben soll.

Dass bei VW in den höheren Etagen niemand etwas von der Software gewusst haben soll, ist kaum zu glauben. Ermittler und Anleger werden also recht zwangsläufig die Frage aufwerfen, wer zu welchem Zeitpunkt was gewusst und gebilligt hat.

An der Börse dürften die Antworten, wie immer sie am Ende ausfallen mögen, mit Spannung und vielleicht auch mit Befremden aufgenommen werden. Verstörende Antworten können zu jeder Zeit geeignet sein, den Kurs erneut auf Talfahrt zu schicken und zu glauben, das Schlimmste sei vorbei, könnte sich leicht als voreilig erweisen.

Wie viel Aufklärung verträgt die Branche?

Aufgeflogen ist die Abgasaffäre zwar in den USA, doch das heißt nicht, dass sie auch nur ein amerikanisches Problem ist. Mit hoher Wahrscheinlichkeit hat VW nicht nur in den Vereinigten Staaten getrickst, sondern es auch in anderen Teilen der Welt mit den gesetzlichen Bestimmungen nicht so genau genommen.

Aktien von Volkswagen im eigenen Depot zu haben könnte sich für viele Anleger in den kommenden Wochen und Monaten wie der Gang durch ein historisches Minenfeld anfühlen. Die Sprengfallen wurden zwar schon vor langer Zeit gelegt, ihre Wirkung ist aber nach wie vor verheerend.

Besonders schwerwiegend ist der Vertrauensverlust. Nicht nur die Prüfer, Kunden und Anleger wurden getäuscht. Auch die Nichtkunden sind mittelbar betroffen, denn wer sagt, dass nicht auch an anderen Stellen des Automobiluniversums mit unlauteren Mitteln gearbeitet wird, sei es bei VW oder bei anderen Herstellern, die aktuell noch nicht in die Schusslinie geraten sind.

Schwindet das Vertrauen, verschwinden auch die Kapitalmärkte

Die Auswirkungen dieser Krise reichen aber weit über Volkswagen und die anderen Automobilproduzenten hinaus. Neue elektronische Lösungen sind immer häufiger die Antwort auf die Probleme unserer Zeit. Wie keine andere Generation vor uns sind wir von einer Technik umgeben, die wir vielleicht noch bedienen, aber kaum noch selbst beherrschen und verstehen können.

Wir müssen der in ihr enthaltenen Software vertrauen und uns darauf verlassen, dass diejenigen, die sie programmiert haben, schon gewusst haben, was sie tun. Beim Arztbesuch ist es übrigens genauso.

Wird diesem Vertrauen nicht mit der gebotenen Vorsicht und Umsicht begegnet, kann es leicht zerbrechen. Am Ende steht eine Gesellschaft, die sich nur noch gegenseitig betrügt und übervorteilt und in der am Ende niemand niemandem mehr glauben und vertrauen kann.

Sollte dieser Tag eines Tages tatsächlich kommen, wäre damit auch das Ende der Kapitalmärkte erreicht, denn warum sollte man als Anleger einem Kreditnehmer oder einem Vorstand noch sein sauer verdientes Geld anvertrauen, wenn man sowieso nur damit rechnen kann, übers Ohr gehauen zu werden.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

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Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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