Gold, Geld, Schuld: Ein kleiner Ausflug in eine der größten Finanzkatastrophen

Packen Sie Ihre Sachen, wir machen heute einen kleinen Ausflug in das frühe 18. Jahrhundert, konkret in das Paris des Jahres 1715. Am 1. September des Jahres verstirbt König Ludwig XIV.

Man wird ihn später den Sonnenkönig nennen. Ihm verdankt Frankreich nach 72 Regierungsjahren seine territoriale Ausdehnung, eine allseits beachtete neue Hofhaltung in Versailles und Staatsschulden in Höhe von 2 Milliarden Livres. Pro Jahr muss das Land stolze 90 Millionen Livres für die Zinszahlungen aufbringen.

Möglich ist das nicht, denn das Land ist militärisch und kulturell ein Superstar, aber finanziell leider am Ende. Das Steuersystem ist ineffizient und korrupt. Die Einnahmen der nächsten drei Jahre sind bereits verbraucht.

In dieser kritischen Situation kommt der Kronrat unter der Leitung des neuen Regenten zusammen. Einige Berater plädieren für die Erklärung des Staatsbankrotts, John Law, ein im Land lebender Schotte, schlägt die Gründung einer Staatsbank vor.

Eine gute Idee kommt in die falschen Hände

Die neu zu gründende Staatsbank sollte die Einkünfte des Staates verwalten und zur Erleichterung des Handels und der Wirtschaft Papiergeld ausgeben, das durch Münzgeld, also echtes Gold und Silber gedeckt war.

Mit drastischen Maßnahmen wurde der Staat anschließend saniert. Gehälter und Pensionen wurden gekürzt. Für die langfristigen Kredite, mit denen Ludwig XIV. seine Kriege finanziert hatte, wurde der festgeschriebene Zinssatz von sieben Prozent auf vier Prozent reduziert.

Schuldverschreibungen mit kurzer Laufzeit wurden in „billets d‘ état“ umgewandelt. Ihr Wert betrug nur noch zwei Drittel der ursprünglichen Summe. Das Münzgeld hingegen wurde um 50 Prozent aufgewertet.

Was die Aufwertung des Münzgeldes bedeutete

Das monetäre System beruhte auf dem Livre tournois, einer Rechnungseinheit ähnlich dem britischen Pfund Sterling, die dazu diente Preise, Gehälter und vertraglich fixierte Summen zu bestimmen.

Wichtig an diesem Punkt war: Dem Livre tournois entsprach aber kein einziges Geldstück, sondern der Wert des umlaufenden Münzgeldes konnte immer wieder neu festgelegt werden.

Hier bot sich dem Staat ein Handlungsspielraum, der nach der Aufwertung des Münzgeldes für alle sichtbar wurde. Der goldene Louis d‘or stieg von 14 auf 20 Livre und der silberne Écu von drei Livre zehn Sous auf nunmehr fünf Livre.

Die Aufwertung des Münzgeldes hatte dramatische soziale Konsequenzen

Die Folgen der staatlich verordneten Inflation ließen nicht lange auf sich warten: Preise und Armut stiegen, während die Staatsschulden sanken. Die Bevölkerung wurde aufgerufen, die alten Goldmünzen zum Umprägen an die königliche Münze zurückzugeben, kam diesem Aufruf aber nicht oder nur zögerlich nach.

Die Abneigung der Bürger, die Münzen umzutauschen, war unverkennbar. Sie führte dazu, dass die Münzen gehortet, „bearbeitet“ oder ins Ausland geschmuggelt und zum Metallwert dort verkauft wurden.

In Frankreich selbst entstand schnell eine Knappheit an Münzen, weil die Geldstücke ins Ausland gebracht werden. Gleichzeitig ließen zahlreiche Notverkäufe von Staatsanleihen lassen diese im Wert um 80 Prozent fallen.

Die Zeiten ändern sich, die Nöte sind die gleichen

Frankreich als Land war in einen totalen wirtschaftlichen Abgrund gestürzt. Bedroht waren die physische Existenz der Menschen und damit auch der gesellschaftliche Zusammenhalt.

Es ist bezeichnend für unsere heutige Situation und die in ihr liegende Gefahr, dass man in den Abschnitten, die Sie bislang gelesen haben, das Wort Frankreich sehr leicht durch nahezu jedes andere Land der Welt ersetzen kann und der Text dennoch nicht grundsätzlich falsch erscheint.

Er hat eine beängstigende Aktualität, die uns aufhorchen lassen sollte. Aus diesem Grund dürfte auch die Frage, wie es nach 1716 weiterging, von großem Interesse sein. Ihr werden wir morgen nachgehen.

Für heute wünsche ich Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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