Frankreich im März 1716: Ein Staat kriminalisiert seine Bürger

Auch heute möchte ich Sie wieder zu einem Ausflug ins Paris des frühen 18. Jahrhunderts einladen. Wenn Sie den gestrigen Börsenausblick gelesen haben, wissen Sie bereits, dass Frankreich nach dem Tode König Ludwigs XIV. faktisch bankrott war und händeringend nach Geld suchte.

Da Geld bekanntlich nicht vom Himmel fällt, kann es sich ein Staat nur über Steuern und Enteignungen von seinen Bürgern neu beschaffen. Genau diesen Weg hat man in Paris im Frühjahr 1716 mit Nachdruck beschritten.

Im März beauftragt der Finanzminister die sogenannte Justizkammer mit einer Überprüfung von Financiers, Steuereintreibern und Beamten. Die Bevölkerung wurde dabei zur Mithilfe aufgerufen. Für sachdienliche Hinweise lobte man ein Fünftel der eingetriebenen Geldsumme oder des enteigneten Besitzes aus.

Es folgen Denunziationen in einem noch nicht gekannten Ausmaß und aus Angst, angezeigt zu werden, nahm die Hortung von Münzen weiter zu. Die ohnehin vorhandene Münzknappheit stieg weiter.

Jeder gegen jeden

Wirte und Posthalter bekamen den Auftrag, verdächtigen Personen die Pferde zu verweigern. So sollten Fluchtbewegungen ins Ausland unterbunden werden. Auf der Strecke blieben viele Profiteure des unter Ludwig XIV. praktizierten Steuer- und Abgabensystems.

Samuel Bernand, ein Financier und Widersacher von John Law bot an, sechs Millionen Livre als Kompensation an den Staat zu bezahlen. Seine späte Reue nützte ihm nichts. Er wurde trotzdem hingerichtet.

Die Herren La Normande und Gruet erhielten hohe Geldstrafen. Vor Notre Dame und Les Halles mussten sie öffentlich Abbitte leisten. Ihnen wurden Schilder mit der Aufschrift „Dieb des Volkes“ um den Hals gehängt. Anschließend verbannte man sie für den Rest ihres Lebens auf eine Galeere.

Man hat ihnen die Strafen später erlassen, denn die Berichte dienten eigentlich nur der Stimmungsmache. Die Finanzelite hatte den Sündenbock abzugeben, obwohl viele nur als Mittelsmänner für die höfische Elite agiert hatten.

Nur wenige profitieren

Viele verloren viel in dieser Zeit des Misstrauens und der permanenten Angst um die eigenen Ersparnisse. Einer gewann viel: John Law. Heute steht sein Name für eines der größten Papiergeldexperimente, die jemals scheiterten.

Damals im Frühjahr 1716 ging sein Stern gerade erst auf. Es war nur eine kurze Zeit der Blüte, die ihm vergönnt war. In nicht einmal fünf Jahren durchwanderte er die Stationen vom gescheiterten Bankier über den neuen Messias zum allgemeinen Sündenbock.

Viele Fehler, die auch heute wieder begannen werden, leistete man sich in jenen verhängnisvollen fünf Jahren zwischen 1716 und 1721. Ihnen und der Gründung der Banque Générale durch John Law werden wir uns im nächsten Börsenausblick ausführlich zuwenden.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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