Ein gieriger Staat und gierige Bürger sind eine gefährliche Mischung

Schaut heute man aus dem Abstand von rund 300 Jahren auf das Paris der Jahre 1719 und 1720, so gewinnt man leicht den Eindruck, als habe sich damals alles nur noch ums Geld gedreht. Ein jeder wollte reich werden und er wollte es schnell werden, notfalls auch mit Mitteln, die nicht über jeden Zweifel erhaben waren.

Der Regent sah in der verstaatlichten Banque Générale, die nun Banque Royale hieß, die Möglichkeit, seine Ausgaben quasi zum Nulltarif über die Notenpresse zu finanzieren. Der Plan konnte nur deshalb gelingen, weil Papiergeld noch relativ neu und damit für viele unbekannt war und die Pariser gerade andere Dinge im Kopf hatten: die Aktien der Mississippi-Kompanie.

Sie stiegen in jenen Jahren in einem atemberaubenden Tempo und schon bald hatte jeder in der Stadt verstanden, dass der Weg zu Reichtum und Wohlstand über die Aktien dieser geheimnisvollen Gesellschaft führte.

Wie bei vielen anderen Spekulationsblasen auch war der Anfang er unspektakulär und unscheinbar. Im Frühjahr 1719 lag der Preis der Mississippi-Aktien noch unter dem Ausgabepreis.

Das Mississippi-Fieber

John Law verfolgte mit der Gesellschaft mehrere Ziele, die durchaus im Interesse des Staates und der französischen Gesellschaft waren: Die Mississippi-Kompanie zu Europas erfolgreichstem Konzern zu machen und Frankreichs Wirtschaft zu beleben, waren die beiden vorrangigen Ziele. Das sollte geschehen durch eine Monopolisierung des Handels bzw. Überseehandels und eine Monopolisierung der Staatsfinanzen.

Dazu wurde zunächst die französische Ostindien- und China-Kompanie durch die Ausgabe neuer Aktien übernommen. Ende Juli 1719 folgte der Erwerb der königlichen Münze für 50 Mio. Livre. Nun ging es Schlag auf Schlag. Schon Ende August 1719 erwarb die Gesellschaft das Recht auf die Erhebung der Steuern für 52 Mio. Livre und die Tilgung der Staatsschulden durch einen Kredit in Höhe von 1,2 Mrd. Live.

Der Aktienkurs der Mississippi-Gesellschaft stieg in dieser Zeit von 490 Livre im Mai über 3.500 Livre im August auf 5.000 Livre am 13. September 1719. Angeheizt wurde die Kauflust durch die Berichte über das geheimnisvolle Land am Mississippi, das damals, lange vor der Gründung der Vereinigten Staaten, eine französische Kolonie war.

Der Herrschaftsbereich der französischen Krone in Nordamerika erstreckte sich als ein breites Band von der texanischen Küste am Golf von Mexiko entlang des Mississippi bis zu den großen Seen im Norden an der kanadischen Grenze.

Das in Nordamerika beherrschte Territorium war riesig. Es übertraf die Größe des Mutterlandes um ein Vielfaches. Bevölkert war das Land damals nur spärlich. Trotzdem war es für die Käufer der Aktien der Mississippi-Gesellschaft ein Land, in dem Milch und Honig fließen.

Die Spekulationsblase entsteht

Die Menschen kauften die Aktie, weil sie schnell reich werden wollten. Der Aktienkurs stieg schnell, weil die Finanzierung sehr leicht war. Kredite wurden zu einem Zinssatz von nur zwei Prozent ausgegeben und vorhandene Aktien konnten als Sicherheit hinterlegt werden.

Im Spätherbst 1719 erreicht die Mississippi-Aktie einen Kurs von 10.000 Livre, nachdem sie noch im August „nur“ 5.000 Livre gekostet hatte und im Mai des gleichen Jahres gar nur für bescheidene 490 Livre zu erwerben war.

Die Spekulanten störte das nicht. Was zählte, war die Aussicht über Nacht reich werden zu können. Es gab allerdings zwei Probleme, von denen die Masse der neuen Aktionäre keine Ahnung hatte oder die sie geflissentlich ignorierte.

Die Versprechungen und die Berichte über die Kolonie entsprachen nicht der kargen Wirklichkeit in Nordamerika. Auch die ausgeschüttete Dividende orientierte sich am Kurs, nicht am Gewinn der Gesellschaft.

Im November 1719 versuchte John Law ernsthaft die Spekulationswut durch eine restriktivere Kreditvergabe einzuschränken. Die unmittelbare Folge war ein scharfer Kursrückgang: Der Aktienpreis fiel von 10.000 auf nur noch 7.500 Livre zurück.

Jahreswende 1719/1720: Am Wendepunkt

Eigentlich hätte John Law zufrieden sein können, denn das Spekulationsfieber ließ nach und die Aktie notierte wieder auf einem tieferen Kurs. Dieser gefährdete jedoch die von der Banque Royale ausgegebenen Aktienkredite.

John Law war in einem Dilemma, aus dem es faktisch keinen Ausweg mehr gab. Um die Existenz seiner Bank nicht zu gefährden, musste die Spekulationswut weitergehen, wohl wissend, dass die Aktien das viele Geld nicht wert waren, das in jenen Tagen für sie bezahlt wurde.

Um das Interesse neu zu beleben, wurden Call Optionen aufgelegt. Gegen eine Zahlung von 1.000 Livre erhielt der Investor das Recht, eine Aktie zu einem Preis von 10.000 Livre kaufen zu können.

Der Markt reagierte umgehend. Die Menschen verkauften ihre Aktien, um die Optionen zu erwerben und der Aktienkurs fiel auf 7.000 Livre zurück. John Law wurde zunehmen nervös und begann mit Stützungskäufen.

Erste Aktionäre, die das Ende kommen sahen, verkauften ihre Aktien und tauschten das Papiergeld in Münzen. Die Banque Royale beklagte einen erheblichen Münzabfluss und verlor einen großen Teil ihre Reserven.

Die Münzen wurden entweder gehortet oder ins Ausland gebracht. Bis Ende 1720 waren 500 Mio. Livre in Münzen außer Landes gebracht worden. Bevorzugtes Ziel: London. Dort startete wenig später mit französischem Geld die South Sea Bubble, die englische Variante des Mississippi-Fiebers.

Während die Spekulationsblase in England langsam aber sicher Fahrt aufnahm, war das bittere Ende in Frankreich nicht mehr aufzuhalten. Mit ihm und seinen unschönen Details werden wir uns morgen auseinandersetzen.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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