Ist der Boom auf Sand gebaut, ist die Katastrophe meist nicht fern

Wer im Herbst 1719 nach Paris reiste, musste eine Menge Geld mitbringen, denn in der Stadt selbst schien alles knapp zu sein, nur nicht das Geld selbst. Das Mississippi-Fieber machte die halbe Stadt zu eifrigen Spekulanten und diese vorübergehend zu Millionären und der Regent finanzierte seine üppigen Staatsausgaben mehr über die Notenpresse als über das Steuersystem.

Die Folgen dieser Entwicklung waren an allen Ecken und Enden zu spüren. Während die Geldmenge rasch anstieg, kam die Produktion von Gütern und Dienstleistungen kaum hinterher. Eine extreme Inflation war die Konsequenz. Sie erfasste nahezu jedes Produkt und alle Sektoren des wirtschaftlichen Lebens.

Die große Menge des verfügbaren Papiergeldes bewirkte schnell eine Verdrei- bis Vervierfachung der Grund- und Bodenpreise. Spürbar für jedermann wurde die allgemeine Inflation insbesondere bei den Nahrungsmittelpreisen. Allein zwischen Dezember 1719 und Januar 1720 zogen die Brotpreise um 25 Prozent an. Bei anderen Lebensmitteln war die Teuerung teilweise noch höher.

Abstieg und Zusammenbruch

John Law war zu dieser Zeit auf dem Höhepunkt seiner persönlichen Macht. Er war als Generalkontrolleur der Finanzen Frankreichs gerade drei Wochen im Amt, als er am 28. Januar 1720 ein Ausfuhrverbot für Münzen und umgemünztes Edelmetall erließ. Der Schritt war eine erste, verzweifelte Maßnahme auf die immer stärker werdende Fluchtbewegung raus aus dem Papiergeld, hinein in das wertbeständige Gold und Silber.

Es begann eine Art unschönes Hase-Igel-Spiel, das den französischen Staat zu immer verzweifelteren und drastischeren Maßnahmen greifen ließ. Die Menschen reagierten auf das Ausfuhrverbot von Gold und Silber mit Schmuggel und wichen auf Diamanten und andere Edelsteine aus.

Die staatliche Gegenwehr ließ nicht lange auf sich warten. Schon am 4. Februar 1720, nur acht Tage später, wurden der Ankauf und das Tragen von Diamanten, Juwelen und Perlen untersagt.

Not macht bekanntlich erfinderisch. Aus diesem Grund wichen die Menschen nach dem Verbot vom 4. Februar auf silberne und goldene Gegenstände wie zum Beispiel Teller, Kerzenleuchter, etc. aus.

Zwei Wochen später wird auch deren Herstellung und Verkauf bei Strafe verboten. Eine einzige Ausnahme lässt die Regierung zu: Kruzifixe und sakrale Gegenstände sind von dem Verbot ausgenommen. Die Folge: Ein neuer „religiöser“ Boom und innerhalb weniger Tage schnellten die Preise für goldene Kruzifixe und Messkelche in die Höhe. Kruzifixe aus Holz hingegen wurden weit weniger stark nachgefragt.

Auch bei den Aktien gilt: Der Himmel ist niemals die Grenze

Die Mississippi-Gesellschaft übernahm im Februar 1720 die Banque Royale und kaufte die 100.000 königlichen Aktien der Mississippi-Kompanie zu je 9.000 Livre zurück. Anschließend stellt John Law seine Stützungskäufe ein. Damit verschärfte er den ohnehin bestehenden Verkaufsdruck, der seit Jahresanfang auf der Aktie lastete.

John Law stand gleich in doppelter Hinsicht mit dem Rücken zur Wand. Er kämpfte verzweifelt um den Erhalt seiner Lebenswerke und um die eigene Reputation. Mehr als die schwächelnde Mississippi-Gesellschaft lag ihm das Konzept des Papiergeldes am Herzen. Mit immer schärferen Maßnahmen versuchte er es zu retten und dem schleichenden Vertrauensverlust entgegenzuwirken.

Am 27. Februar 1720 erließ er ein Edikt, das den Besitz von Gold und Silber im Wert von mehr als 500 Livre für ungesetzlich erklärte. Alle Zahlungen von mehr als 100 Livre mussten fortan in Banknoten abgewickelt werden.

Bei der Durchsetzung dieses Verbots war er auf die Mitwirkung der Bevölkerung angewiesen. Aus diesem Grund wurden für Informanten und Denunzianten hohe Belohnungen ausgesetzt. Der Kreis schloss sich schnell: Ein tiefes Misstrauen erfasste die Bevölkerung.

In die Enge getrieben

Nur zwei Wochen nach dem Ende der Stützungskäufe nahm John Law diese wieder auf. Damit besänftigte er sein Kritiker, verschärfte aber gleichzeitig den bestehenden Abwärtstrend bei den Rücklagen der Banque Royale.

Durch den erneuten Strategiewechsel beunruhigt, setzt eine noch größere Verkaufswelle ein. John Law reagierte auf sie mit einer Verzweiflungstat: Er schaffte das Münzgeld ab.

Die ausgegebenen Banknoten sollten stabil bleiben. An Wert verlieren sollten die Edelmetalle. Es war vorgesehen, dass die Gold- und Silbermünzen langsam gegenüber dem Livre abgewertet werden.

Das Gold sollte bereits nach zwei Monaten innerhalb Frankreichs nicht mehr als Zahlungsmittel kursieren, Silber nach neun Monaten seine Geldfunktion als verlieren.

Dass die Bevölkerung nicht begeistert auf diese Maßnahme reagieren würde, war klar. Die Schärfe ihrer Reaktion überraschte am Ende alle und nur mit Not konnten sich wichtige Würdenträger in ihren Ämtern halten. John Law gelang dies nicht.

Warum er scheiterte und zum allgemeinen Sündenbock für eine völlig aus dem Ruder geratene Finanz- und Geldpolitik gemacht wurde, erfahren Sie im nächsten Börsenausblick.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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