Geld und Revolution – eine enge Verbindung

Bis zum Beginn der Französischen Revolution sollte es noch einige Jahrzehnte dauern, doch Paris war im Sommer 1720 alles andere als ruhig. Die Menschen drohten ihre Ersparnisse zu verlieren und sie wurden zunehmen nervös und unwillig. Die einen verloren viel Geld bei ihren Spekulationen mit den Aktien der Mississippi-Kompanie, den anderen wurde das viele Papiergeld zum Verhängnis.

Die Polizei beobachtete eine Zunahme räuberischer Übergriffe und Morde. Der Handel mit den Aktien der Mississippi-Gesellschaft wurde außerhalb deren Geschäftsräume eingestellt und die Druckerpressen liefen auf Hochtouren. Allein im kurzen Zeitraum vom Januar bis Mai 1720 verdoppelte sich die Menge der umlaufenden Banknoten auf 2,6 Milliarden Livre.

Am Sonntag, den 21. Mai 1720, verkündete John Law, dass Aktien, die zuvor noch 9.000 Livre gekostet hatten, nun nur noch 5.000 Livre wert sein würden. Auch der Wert der Banknoten werde allmählich beschnitten und langsam auf nur noch 50 Prozent abgesenkt.

Die offizielle Begründung für diesen einschneidenden Schritt war, dass wieder ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Münzen und Papiergeld hergestellt werden solle und der französische Außenhandel geschützt werden müsse.

Beim Geld lässt das Volk nicht mit sich spaßen

Schon am Tag nach der Bekanntgabe zog der wütende Mob vor die Geschäftsräume der Banque Royale, die geschlossen blieb. Die Stimmung war explosiv und nach einer außerordentlichen Krisensitzung des Parlaments am 22. Mai reichte John Law sein Rücktrittsgesuch ein. Es wurde zunächst nicht angenommen.

Kurz darauf wurde das Verbot des Gold- und Silberbesitzes aufgehoben, weil es sich faktisch nicht durchsetzen ließ. Die Bevölkerung hatte längst reagiert und sie hatte es in einer Weise getan, die dem französischen Staat kaum eine andere Alternative ließ.

Auch unter größten Verlusten trennten sich die Investoren von ihren Aktien der Mississippi-Kompanie und versuchten zu retten, was noch zu retten war. Viel war es nicht mehr.

Ende Mai 1720 wurde John Law schließlich von seinen Pflichten entbunden und unter Hausarrest gestellt. Wenige Tage später kam er wieder frei und stellte einen neuen Rettungsplan vor.

Die Abwicklung

Zu dieser Zeit bestanden nur noch zwei Prozent des umlaufenden Geldes aus Gold- und Silbermünzen, der Rest war nur bedrucktes Papier und damit tendenziell wertlos, denn es war Geld, dem kein wirtschaftlicher Gegenwert gegenüberstand.

Mit einem Rationierungsplan versuchte John Law sicherzustellen, dass auch die Ärmsten der Armen die Chance hatten, in den Besitz von Münzen zu gelangen. Als er in die Geschäftsräume seiner Bank zurückkehrte, sah er die nicht enden wollende Schlange der Menschen, die ihr Papiergeld in Münzen zurücktauschen wollten.

Pro Person durfte jedoch nur ein 10-Livre-Schein in Münzen getauscht werden und die Bank hatte nur an zwei Tagen geöffnet, um den Tausch von 100- in 10-Livre-Scheine zu ermöglichen.

Die Mutter des Regenten scherzte bitter: „Während niemand in Frankreich noch einen Sou besitzt, gibt es Toilettenpapier im Überfluss.“

Publikumswirksam wurden große Mengen an Aktien und Papiergeld auf öffentlichen Plätzen theatralisch verbrannt. Die öffentlichen Feuer untergruben auch noch den letzten Rest des bestehenden Vertrauens in das Papiergeld.

Außer Kontrolle

Als die Getreidehändler nur noch Silber als Zahlungsmittel akzeptieren, griff die Krise auch auf die lebensnotwendigen Dinge über. Die Gesellschaft spaltet sich. Während die Ärmsten darben, umgaben sich die Reichen mit einer eigenen Wirklichkeit, denn niemand wagte, ihnen weitere Kredite bzw. die Bezahlung durch Papiergeld zu verweigern.

Rund 200 Jahre später war die Lage auf einem anderen Krisenschauplatz ähnlich schizophren: Auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise war das Waldorf Astoria in New York ebenfalls ständig gut besucht. Auch hier lebten die Reichen in ihrer eigenen Welt, die mit dem Leben der Normalbürger nicht mehr viel gemeinsam hatte.

Am 15. September 1720 wurde ein weiteres Edikt veröffentlicht. Es bestimmte, dass Banknoten nur noch benutzt werden konnten, wenn gleichzeitig 50 Prozent der Summe in Münzgeld gezahlt wurde.

Bankguthaben wurden um 75 Prozent abgewertet und der Kurs der Mississippi-Aktien auf 2.000 Livre reduziert. Zeitgleich brach in Frankreich die Pest aus. Der Handel kam weitgehend zum Erliegen und der wirtschaftliche Niedergang verschärfte die soziale Not.

Der Schlussakkord

Ein Edikt vom 10. Oktober 1720 bestimmte das Ende der Vision eines Mannes, der eigentlich nur das Gute gewollt hatte, aber an den Umständen und der Gier der anderen kläglich gescheitert war:

Zum 1. November 1720 wurden Banknoten in Frankreich vollständig abgeschafft. Das Land kehrte wieder ausschließlich zum Münzgeld zurück und die noch vorhandenen Banknoten mussten in Rentenpapiere getauscht werden.

Am 27. November 1720 schloss die Banque Royale, nur rund fünf Jahre nach ihrer Gründung, für immer die Pforten. Für John Law rächte sich nun, dass das gescheiterte Papiergeldexperiment so einseitig mit seinem Namen verbunden war.

Er wurde zum alleinigen Schuldigen erklärt. Dabei war es die vom Regenten gestartete Druckorgie, die das anfangs durchaus stabile System aus den Fugen gebracht hatte. Doch der Regent war zu der Zeit noch unantastbar. Er stand über dem Gesetz und war quasi unantastbar.

Erst dem 1754 geborenen Ludwig XVI. sollte es anders ergehen. Er wurde 1792 im Zuge der Französischen Revolution abgesetzt, im Folgejahr von den Revolutionären zum Tode verurteilt und mit der Guillotine hingerichtet.

John Laws Schicksal war weder das des unangreifbaren Regenten noch das des letzten französischen Königs des Ancien Régimes. Man machte ihn allein zum Sündenbock und der Mob forderte selbstverständlich auch seinen Kopf. Doch der Regent hielt noch immer seine schützende Hand über ihn.

Als John Law fürchtete auch das Vertrauen des Regenten zu verlieren, floh er alleine nach London. Der finanzpolitischen Katastrophe folgte die private. Frau und Kinder wurden anschließend in Frankreich festgesetzt und durften das Land nicht verlassen.

1729 endete schließlich auch diese. John Law war in Venedig, wo er seit 1726 als Gemäldehändler lebte, an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich

Ihr

Bernd Heim

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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